„Selbst“ und “Selbstähnliche Teile“

Formen von Teilearbeit (5)

„Selbst“ und “Selbstähnliche Teile“

Im letzten Post der Reihe haben wir gesehen, warum es im IFS und in der Integrativen Teilearbeit wichtig ist, so weit wie vom möglich vom Selbst aus arbeiten. Das Selbst wendet sich allen Teilen zu, interessiert sich für diese und kümmert sich. Es kann Teile, die in verstörenden oder traumatischen Situationen feststecken, versorgen, bergen, entlasten und damit heilen.

Zugleich gibt es Teile, die auf dem ersten Blick so aussehen wie das Selbst und die sich auch dafür halten. Sie haben gelernt, uns und unsere Teile zu versorgen und haben dafür eine Menge konstruktiver Strategien auf Lager.

Sie können brisante innere und äußere Situationen entschärfen und sind daher wichtige und erfolgreiche Krisenhelfer. Oft zeichnen sie sich durch Ruhe, Klarheit und Vernunft aus. Sie sind wichtige Quellen von Selbstfürsorge, häufig sind es diese Teile, die uns in Achtsamkeitskurse oder ins Yogastudio führen, die dafür sorgen, dass wir regelmäßig Sport machen, gesund essen und meditieren.

Wir verdanken ihnen viel. Oft sind wir sehr identifiziert mit diesen Teilen und halten sie für unsere eigentlich erwachsene oder auch therapeutische Kraft. Und sie sind bei psychologisch geschulten Menschen besonders gut ausgebildet.

Gleichwohl sind sie nicht das Selbst. Der entscheidende Unterschied ist: im Gegensatz zum Selbst, das schlicht für die Teile da ist und sich kümmert, haben selbstähnliche Teile eine Agenda. Sie wollen die Gefühle der Teile, für die sie sorgen, zum Schweigen bringen (oft eigentlich wegmachen, auch wenn sie gelernt haben, dass das nicht geht oder nicht gut ist). Die verletzten Anteile sollen sich beruhigen und Ruhe geben.

Während das Selbst gelassen ist, arbeiten diese Teile hart. Sie haben eine klare Vorstellung, was rauskommen soll, werden ungeduldig, wenn ein Teil „immer noch keine Ruhe gibt“, häufig überspringen sie die Gefühle und sind sofort bei den Lösungen („Und was machen wir jetzt damit?“).

Häufig sind es auch diese Teile, die Menschen in Therapie und Coaching führen („Ich brauche Strategien!“). Es wäre gut, wenn wir das als TherapeutInnen und Coaches merken. Sonst bilden wir diese selbstähnlichen Teile weiter aus und nehmen unseren KlientInnen damit die Chance, sich verletzten Teilen wirklich zuzuwenden und sich von alten Mustern verabschieden zu können.

Wie entwickeln sich selbstähnliche Teile? Sie haben sich oft früh in unserer Geschichte entwickelt und ihre Aufgabe ist, sehr junge verletzte innere Anteile zu schützen. Daher haben selbstähnliche Teile gelernt, dass das innere System sich ausschließlich auf sie verlassen kann.

Einmal mehr merken wir hier den Unterschied, ob wir in der Arbeit mit inneren Anteilen vom Selbst aus arbeiten oder einen erwachsen wirkenden rationalen Teil („ANP“) als Chef des Inneren Systems ansprechen. Denn ein ANP wird häufig ein selbstähnlicher Teil sein, der Gefühle an das anpassen will, was er für die Realität hält.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 92ff.