Teile mit destruktiv wirkenden Strategien
Manche inneren Anteile setzen Strategien ein, die sehr destruktiv wirken. Sie arbeiten mit Gewalt, selbstverletztendem Verhalten oder Suizidalität, sie lassen Menschen zu Suchtmitteln greifen und sorgen dafür, dass Menschen sich selbst oder anderen schaden.
Im Verständnis dieser Anteile und im Umgang mit ihnen zeigen sich grundlegende Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen der Teilearbeit.
In der Schematherapie werden die destruktiv wirkenden Strategien der Teile als „maladaptive Schemata“ gesehen, die in komplexen Schemamodi und Kategorien dargestellt werden. In der Therapie wird gezielt daran gearbeitet, diese Modi zu überwinden.
Im IFS und in der Integrativen Teilearbeit schauen wir (ebenso wie Ego-State-Therapeuten) weniger auf die konkreten Strategien der Teile, sondern mehr auf die Absicht, die ein Teil damit verbindet. Wir versuchen zu verstehen, warum ein Teil diese Strategie entwickelt hat und wir gehen davon aus, dass er wichtige Gründe dafür hatte, dass es aus seiner Sicht “die bestmögliche Lösung zur damaligen Zeit“ war (eine wunderbare Formulierung, die meines Wissens von dem Psychoanalytiker Peter Fürstenau stammt).
So kann Gewalt der einzige Weg gewesen sein, sich in einer Umgebung, wo man sich nur entscheiden konnte, Täter oder Opfer zu sein, zu behaupten. Suchtmittel können helfen, unerträgliche Gefühle zu betäuben (oder ein chronisch übererregtes neurodivergentes Gehirn zu beruhigen). Die Vorstellung, sich im Notfall umbringen zu können, kann dabei helfen, weiterzuleben (weil ich weiß, dass ich im schlimmsten Fall den Notausgang kenne).
Aus Faustregeln kann gelten: je massiver die Strategie eines Teils ist und je rigider er auftritt, desto größer die Not, die er zu bewältigen half. Indem wir diese gute Absicht und diese Wichtigkeit würdigen, können wir dem Teil helfen, sich zu beruhigen, zu realisieren, dass die Welt heute eine andere ist und die Strategien zu mildern oder im besten Fall loszulassen.
Veränderung und ‚Heilung‘ geschehen hier durch Würdigung. Und Würdigung ist nur dann möglich, wenn ich verstehe, worum es damals ging – und den Teil wirklich achten kann.
Gerade im Umgang mit destruktiv wirkenden Teilen ist das ein grundlegender Perspektivwechsel und nicht immer leicht, weil Gewalt, Selbstverletzung und Suizidalität auch in uns TherapeutInnen viel auslösen. Die Strategien dieser Teile aktivieren auch in uns ängstliche, wütende, hilflose Teile und Teile, welche diese Strategien schnellstmöglich ‚in den Griff bekommen‘ wollen.
Wenn wir würdigend mit Teilen arbeiten wollen, die destruktiv wirkende Strategien einsetzen, müssen wir daher unsere eigenen Teile besonders gut im Blick haben.
Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 209ff.