Das Selbst
Was wir von uns selbst wahrnehmen, sind vor allem die unterschiedlichen Mitglieder unseres Inneren Teams mit ihren Gefühlen und Impulsen. Gleichwohl bestehen wir nicht nur aus diesen. Es gibt eine Instanz in uns, welche unsere innere Landschaft überblickt und die Einfluss auf die innere Dynamik und auf unser Verhalten nehmen kann. Und wir identifizieren uns mit diesem inneren Beobachter: wir sagen „Ich“ und nicht „Wir“.
Wir nennen diese Instanz ‚Oberhaupt‘ oder ‚Selbst‘. Das Selbst ist einerseits ein Geisteszustand, in dem wir unsere unterschiedlichen Anteile wahrnehmen und beobachten können. Soweit entspricht es der Haltung der buddhistischen Achtsamkeit: einem Zustand, in dem alles akzeptiert wird, wie es ist. Zugleich ist das Selbst auch unsere Steuerungsinstanz. Seine Aufgabe besteht darin, sich um einzelne Teammitglieder zu kümmern, die innere Dynamik in konstruktive Bahnen zu lenken und dafür zu sorgen, dass der Mensch sich so verhält, dass es für ihn und nach Möglichkeit auch für andere gut ist.
Das Selbst oder Oberhaupt hat also eine Führungsaufgabe. Im Coaching trägt es Züge einer guten Chefin. Im Kontext der Psychotherapie gewinnt es Konturen einer Elternfigur – seine Aufgabe besteht darin, zu schützen, zu trösten und verletzte Stimmen in Sicherheit zu bringen. Die beste Metapher ist hier das Bild idealer Eltern. Was auch passieren mag, ideale Eltern bleiben da, sind ansprechbar, fühlen sich zuständig. Sie sind von der Zuversicht erfüllt, dass das Leben weitergeht und sich Lösungen finden werden, auch wenn noch unklar ist, wie diese aussehen können. Ideale Eltern nehmen die Angst ihrer Kinder ernst, ohne sich von ihr anstecken zu lassen.
Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, können wir jedem unserer Anteile empathisch und akzeptierend begegnen. Wir sind in der Lage, verletzte und verängstigte Anteile zu beruhigen und zu versorgen. Und wir identifizieren uns mit keinem Anteil so stark, dass wir andere abwerten oder aus den Augen verlieren.
Unabhängig vom je konkreten Ziel der Zusammenarbeit ist es Aufgabe von PsychotherapeutInnen und Coaches, KlientInnen dabei zu unterstützen, diese Ressource in sich zu finden und Vertrauen zu ihr entwickeln.
Wenn wir einen Menschen fragen, welches Gefühl er einem inneren Anteil gegenüber hat, können wir leicht herausfinden, ob er diesem gerade aus dem Selbst heraus begegnet. Wenn er mit seiner Selbstenergie verbunden ist, wird er sich mitfühlend, interessiert, verantwortlich zeigen – wenn er mit Angst, Hilflosigkeit oder Wut reagiert, ist ein Teil am Werk.
Kleiner Test: Wenn Sie auf einen für Sie schwierigen inneren Anteil schauen – welche Gefühle haben Sie? Wenn Sie mit Angst, Hilflosigkeit oder Zorn reagieren: welcher Anteil ist gerade am Ruder?