Was sind eigentlich Innere Anteile? Gibt es sie ‚wirklich‘?
Gibt es Innere Anteile eigentlich ‚wirklich‘? Diese Frage wird in den unterschiedlichen Ansätzen unterschiedlich beantwortet. In der Schematherapie werden innere Anteile explizit als Konstrukte gesehen. Die Ego-State-Therapie versteht sie als neurobiologisch verankerte Cluster aus Affekten, Kognitionen und Verhalten, die Teile sind also insofern ‚real‘, als sie eine neurobiologische Grundlage haben.
Richard Schwarz und die IFS gehen hingegen von der Wirklichkeit der Teile aus, sie behandeln Anteile als reale Teile der psychischen Realität. Das drückt sich auch darin aus, dass im IFS von der (in meinen Augen eher verwirrenden) Vorstellung ausgegangen wird, dass auch innere Anteile wiederum innere Anteile haben.
Wir in der Integrativen Teilearbeit schließen uns an diesem Punkt an die pragmatische Position des Schulz von Thun‘schen Inneren Teams an: Nein, es gibt die Inneren Anteile nicht ‚wirklich‘. Aber es ist sehr hilfreich, sich dieser Metapher zu bedienen.
Wir sind nicht von kleinen Männchen (oder Frauchen) bewohnt, die sich in uns unterhalten. Zugleich kann jeder Mensch, der schon einmal als KlientIn, TherapeutIn oder Coach intensiv mit inneren Anteilen gearbeitet hat, deren ‚Wirklichkeit‘ bezeugen. Die Vorstellung, dass ein Gefühl, ein Impuls von einem inneren Anteil kommt, dass in uns ein inneres Team oder eine innere Familie interagiert, führ uns sehr schnell zu inneren Bildern und unbewussten Zusammenhängen und kann uns helfen, in einen tiefen Kontakt zu uns zu kommen und uns selbst zu verstehen.
Dabei entwickeln diese Bilder, diese Teile ein erstaunliches Eigenleben. Am greifbarsten wird das das an dem Punkt, wo wir merken, dass ein Teil sich dagegen wehrt, verschwinden zu sollen und daher Veränderung blockiert. Eine Metapher, die sich dagegen wehrt, verschwinden zu sollen? Die bereit ist, sich zu verändern (und sich auch verändern kann!), aber zum Widerstand wird, wenn sie nicht gewürdigt wird?
Die Theoriebildung gerät hier an Grenzen – in der therapeutischen Praxis ist es Alltag. Hier zeigt sich, dass die Personalisierung etwas spürbar, greifbar und bearbeitbar macht, was wir in der reflektierenden Sprache nicht zu greifen bekommen.
Schematherapie, Ego-State-Therapie und IFS sind in Deutschland bzw. den USA als evidenzbasierte Verfahren anerkannt. Die Wirkung lässt sich also wissenschaftlich nachweisen. Die Existenz der Teile (natürlich) nicht. Selbst wenn wir in der Bildgebung nachweisen könnten, dass bestimmte Teile mit unterscheidbaren neurologischen Mustern zusammenhängen, hätten wir damit nur Muster bewiesen – nicht innere Anteile.
Kriterium für die Wirklichkeit der Teile ist das eigene Erleben – und genau darum geht es ja in Psychotherapie und Coaching: wir wollen unsere KlientInnen darin stärken, in Kontakt zu sich selber zu sein und sich auf die eigene körperliche, emotionale und gedankliche Erfahrung zu verlassen. In der Praxis liegt also darin das Kriterium für ‚Wirklichkeit‘ und Stimmigkeit.