Hat das Innere System eine Führung?

Formen von Teilearbeit (3)

Hat das Innere System eine Führung?

Vor allem frühe Ansätze der Teilearbeit, wie die Transaktionsanalyse und die Gestalttherapie, nehmen nur die verschiedenen inneren Anteile in den Blick und beschreiben keine Führungsinstanz im inneren System.

Andere Ansätze (wie die Ego-State-Therapie oder Ellert Nijenhuis) befördern einen sogenannten „ANP“ (anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil) zum Leiter des Inneren Systems. Ein erwachsen wirkender und realitätsorientierter Anteil wird also als Führungsfigur angesprochen.

In der Integrativen Teilearbeit denken wir die Dynamik im Inneren Team dagegen im Anschluss an Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family System (IFS) von Richard Schwartz von einer Inneren Führungsinstanz her, dem „Oberhaupt“ (SvT) bzw. dem „Selbst“ (Schwartz). Das hat erhebliche und grundlegende Folgen für Menschenbild und Arbeitsweise.

Denn das Selbst oder das Oberhaupt wird gerade nicht als Teil verstanden. Es ist die Instanz in uns, mit der wir uns von allen inneren Anteilen und ihren Haltungen, Gefühlen und Impulsen unabhängig machen und abgrenzen können. Wir identifizieren uns mit dieser Instanz, darum sagen wir „ich“ und nicht „wir“. Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, werden wir nicht von der Energie einzelner Teile mitgerissen.

Zugleich sind wir vom Selbst oder Oberhaupt aus allen Teilen verbunden. Vom Oberhaupt oder Selbst aus können wir alle Teile gleichermaßen sehen, verstehen, wertschätzen und anerkennen. Wir können ihnen innerlich Raum geben, sehen, was sie Kostbares beitragen und was sie brauchen – und entscheiden, ob, wann und unter welchen Bedingungen wir ihnen auch nach außen hin Raum geben möchten.

Von dieser Perspektive aus sind ein kindlicher Teil, ein ‚Kreativer‘, ein ‚Rebell‘ oder ein spirituell orientierter Teil genauso relevant wie ein erwachsener und realitätsangepasster Teil. Wenn wir also letzteren als Chef des Inneren Systems ansprechen, gehen wir von einem anderen und engeren Menschenbild aus.

Bei Schulz von Thun, im IFS und in der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir so weit wie möglich vom Oberhaupt bzw. Selbst aus – und immer auf dieses hin. Egal, woran wir konkret arbeiten, wir zielen immer darauf, unsere KlientInnen und Klienten in Kontakt zu ihrer Oberhaupt- oder Selbstenergie zu bringen und sie damit in ihrer Fähigkeit zu stärken, in gutem Kontakt mit allen inneren Anteilen zu sein und sich zugleich auf einen für diesen Menschen selbst angemessene Weise auf seine Umwelt einstellen und diese gestalten zu können.


Zum Weiterlesen:
Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 78-99.