Personalisierung der inneren Dynamik

Formen von Teilearbeit (2)

Personalisierung der inneren Dynamik

Grundgedanke der Arbeit mit inneren Anteilen ist die Personalisierung der inneren Dynamik. Die unterschiedlichen Anteile werden als innere Personen gesehen und behandelt – als Personen mit unterschiedlichem Charakter, je eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Zielen, einer je eigenen Geschichte.

Dieser Grundgedanke ist ebenso einfach wie genial. Denn wir alle haben gelernt, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Durch die Analogsetzung von Innen- und Außenwelt können wir dieses Verständnis auf den Umgang mit uns selbst übertragen. Wenn wir innere Anteile, mit denen wir es schwer haben, als Personen begreifen, die wie äußere Personen von Gefühlen bestimmt werden und vor dem Hintergrund ihrer Geschichte handeln, dann können wir leichter nachvollziehen, warum diese sich manchmal auf eine Weise verhalten, die wir schwierig finden.
 
Dazu kommt, dass wir dabei auch unsere Wertvorstellungen für einen angemessenen Umgang mit Personen übertragen. Auch wenn wir uns nicht immer daran halten – wir alle haben die Vorstellung verinnerlicht, dass man Personen mit Respekt und Wertschätzung begegnen sollte. Durch die Personalisierung der inneren Welt werden diese Vorstellungen implizit auf den Umgang mit sich selbst übertragen.

Innen wie außen setzt eine gedeihliche Dynamik voraus, dass sich alle Beteiligten respektiert, gewürdigt und in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gesehen und anerkannt fühlen und einen passenden Platz finden. Psychotherapie und Beratung dienen dazu, Konflikte und Blockaden aufzulösen und die Selbstregulationskräfte wieder freizusetzen. Die innere Dynamik wird in Analogie zu äußeren Gruppen gedacht – zur Dynamik in Arbeitsteams (Schulz von Thun) oder in Familien (Richard Schwartz).

Dabei gilt innen wie außen: das Verhalten, das man in schwierigen Situationen heißt das: ein Anteil ist nicht identisch mit seiner Wut (seiner Angst, seinem Kontrollbedürfnis, …) – sondern er wird unter bestimmten Voraussetzungen wütend oder ängstlich oder entwickelt ein Kontrollbedürfnis. Wenn die innere Dynamik sich entspannen kann, dann kann sich auch der Teil entspannen und schwierige Gefühle und schwierige Verhaltensweisen loslassen. Erst dann kann sein eigentliches Wesen sichtbar werden.

Mit dieser konsequenten Personalisierung arbeiten Friedemann Schulz von Thun und die IFS von Richard Schwartz – und wir in der Integrativen Teilearbeit im Anschluss an diese beiden. Auch die Ego-State-Therapie versteht innere Anteile in dieser Weise.

In der Schematherapie und in der Transaktionsanalyse dagegen werden die Teile stärker auf ihre Strategien und ihr Verhalten festgelegt. Ein kritisches Eltern-Ich ist vom Wesen her kritisch, wir können nur lernen, es seltener zu aktivieren. Auch in der Schematherapie wird zwischen dysfunktionalen und gesunden Modi unterschieden und Schemata werden verstanden als feste Muster aus Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen. Das Potential der Personalisierung wird hier also weniger ausgeschöpft.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 10ff.