Schutz- und Risikofaktoren bei Traumatisierungen
Was unterscheidet traumatische Erlebnisse von anderen? Trauma bedeutet: jemand erlebt etwas, das seine Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt.
Menschen können vieles verarbeiten, wenn sie Unterstützung, Trost und jedenfalls im nachhinein Schutz finden. Anders sieht es aus, wenn niemand uns auffängt, wenn Gewalt, Grenzüberschreitungen oder Demütigungen bagatellisiert werden oder uns gar die Schuld daran gegeben wird.
Konstruktive Beziehungen helfen also bei der Verarbeitung. Und sie stärken uns nicht nur im Nachhinein. Wer früh die Erfahrung machen konnte, ernst genommen, als liebenswerter Mensch behandelt zu werden, kann potentiell traumatisierenden Erfahrungen stabiler begegnen als jemand, der auch zuvor immer wieder angegriffen, gedemütigt oder vernachlässigt wurde. Denn er kann den Erfahrungen innerlich etwas entgegensetzen.
Aus dem gleichen Grund sind wir anfälliger, wenn wir krank oder in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, gerade eine Trennung überstanden oder einen wichtigen Menschen verloren haben.
Ebenso ist die Natur des Ereignisses von Bedeutung. Auch Unfälle oder Naturkatastrophen können uns traumatisieren. Aber gezielt angegriffen zu werden, erschüttert uns viel mehr und beschädigt unser Vertrauen in die Welt tiefgreifender. Das gilt umso mehr, wenn dieser Mensch uns vertraut ist, wenn wir eigentlich Unterstützung und Schutz von ihm erwarten dürften.
Dabei gibt es verschiedene Ebenen von Traumatisierungen:
· einmalige schlimme Ereignisse.
· ein chronisch traumatisierendes, von Vernachlässigung, Gewalt oder Grenzüberschreitungen geprägtes Umfeld.
· prägende Erfahrungen unterhalb dessen, was wir normalerweise als ‚Trauma‘ bezeichnen (wie Mobbing, Demütigungen, frühe Krankenhausaufenthalte). Ich habe dafür vor vielen Jahren den Begriff ‚Mikro-Trauma‘ geprägt.
Dieser Begriff ist wichtig und schwierig zugleich. Er ist schwierig, weil damit das Spezifische schwerer Traumatisierungen verloren zu gehen droht. Eine Posttraumatische Belastungsstörung gehört zu den quälendsten Symptomen, die man sich vorstellen kann. Den Begriff ‚Trauma‘ auszuweiten, kann vor diesem Hintergrund als Verharmlosung verstanden werden.
Zugleich zeigen sich Mikro-Traumatisierungen im Inneren Team in einer ähnlichen Struktur. In verstörenden und traumatischen Situationen frieren innere Anteile ein und erleben diese als ewige Gegenwart. Und es entwickeln sich Wächter, die diese verletzten Anteile schützen.
Beides finden wir auch bei Mikro-Traumatisierungen – auch wenn die ‚Ladung‘ der Verletzten hier weniger hoch und die Strategien der Wächter weniger massiv sind. Diese Gemeinsamkeit zu sehen, bietet die Chance, Traumatisierungen besser zu verstehen. Es wird dann deutlich, dass wir diese Struktur alle kennen – wenn auch in extrem unterschiedlichem Ausmaß.