Verletzte Anteile und ihre Wächter

Einführung in das Innere Team (4)

Verletzte Anteile und ihre Wächter

Wenn ein Mensch eine verstörende oder traumatisierende Erfahrung macht, dann bleiben innere Anteile in dieser Erfahrung stecken. Sie frieren gewissermaßen in dieser Situation ein.

Die Teile wissen dann nicht, dass die Situation lange vorbei ist, dass der prügelnde Vater, die demütigende Lehrerin keine Macht mehr über uns haben. Ebenso wenig wissen sie, dass wir erwachsen geworden sind.

Für verletzte Teile ist die verstörende oder traumatisierende Situation ewige Gegenwart. Und wenn etwas passiert, dass uns an diese Situation erinnert, dann werden sie ‚getriggert‘ und überfluten uns mit den alten Gefühlen.

Damit dies nicht passiert, entwickeln sich Wächter im Inneren Team. Sie schützen die verletzten Teile vor weiteren Verletzungen. Und sie schützen zugleich das innere System eines Menschen vor den Gefühlen der Verletzten. Sie sorgen dafür, dass wir die Wucht dieser Gefühle nicht mehr spüren müssen.

Das können sie auf verschiedene Weise tun. Sie können die Verletzten wegsperren, uns dazu bringen, nicht mehr zu spüren. Sie können schwierige Gefühle durch Alkohol, Drogen, ein Übermaß an Arbeit, Sport oder Computerspielen betäuben. Oder uns dazu antreiben, so perfekt zu sein, dass wir unangreifbar sind. Sie können versuchen, anderen Menschen so viel Angst einzujagen, dass diese uns nichts tun – oder uns dazu bringen, dass wir uns für andere aufopfern, damit diese uns lieben und uns nicht verlassen. Und sie können noch tausend andere Dinge tun, um zu verhindern, dass wir erneut so verletzt, gedemütigt oder traumatisiert werden.

Oft sind sie sehr erfolgreich darin, sie helfen uns, nicht in alten Erfahrungen
unterzugehen, trotz allem einen Weg ins Leben und unseren Platz zu finden. Wir
verdanken ihnen viel.

Zugleich haben die Strategien dieser Teile in unserem heutigen Leben oft erhebliche Nachteile. Sie schränken uns ein und können sehr leidvoll sein. Auch die Wächter sind in der alten Situation eingefroren, auch sie haben nicht realisiert, dass unsere Welt heute eine andere ist. Daher ist es nicht so leicht, sie dazu zu bringen, ihre Strategien zu verändern,

Haben nur TherapeutInnen mit dieser Dynamik zu tun? Nein. Wenn Sie als Coach mit KlientInnen zu tun haben, die Angst vor Präsentationen oder Schwierigkeiten haben, Konflikte einzugehen, können Sie davon ausgehen, dass ein verletzter innerer Anteil dahintersteckt. Wenn Sie mit einem inneren Kritiker oder einer Perfektionistin arbeiten, dann arbeiten Sie mit einem Wächter.

Auch wenn Coaches mit dieser Dynamik anders arbeiten als TherapeutInnen, sollten sie diese daher kennen. Sonst ist es schwer, die Hartnäckigkeit zu verstehen, mit der die Wächter an ihren Strategien festhalten – und damit auch schwer, sie für Veränderungen zu gewinnen.

Im nächsten Post der Reihe geht es darum, was verstörende und traumatisierende Situationen auszeichnet.