Wie Introjekte entstehen

Einführung in das Innere Team (6)

Wie Introjekte entstehen

Manche inneren Anteile sprechen wie der Vater, die Mutter oder ein anderer Mensch, der prägend für uns war. Das fällt allem dann auf, wenn diese Teile ein Verhalten wiederholen, unter dem wir gelitten haben, wenn sie uns also angreifen, kritisieren, lächerlich machen.

In der Psychotherapie sprechen wir von ‚Introjekten‘. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „hineinwerfen“. Wenn wir etwas introjizieren, dann übernehmen wir Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen von jemand anderem vollständig und unverarbeitet, wir verschlucken diese gewissermaßen. Das ist vor allem dann schwierig, wenn das Verschluckte nicht dem entspricht, wie wir eigentlich denken und uns verhalten wollen.

Manchmal wird das so verstanden, als würden wir in unserem Inneren Team tatsächlich diesem Menschen begegnen, mit dem wir schwierige Erfahrungen gemacht haben. Als wäre diese/r Teil unseres Inneren Teams geworden.

In aller Regel ist dem nicht so. Menschen können uns viel antun, in bestimmten Situationen viel Macht über uns gewinnen – aber sie haben nicht die Macht, Teil unseres Inneren Teams zu werden. Die Teile SIND also nicht das Introjekt – sondern sie haben etwas introjiziert– und zwar aus guten Gründen. Sie tun das nicht, um uns zu schaden, sondern um uns zu helfen.

Warum übernehmen diese Teile Verhaltensweisen, die uns geschadet haben?

Ihre Strategien sind in Situationen entstanden, in denen wir extrem abhängig waren, in denen wir oft noch Kinder waren. Sie sollten dazu dienen,…

· durch Anpassung an Erwartungen doch noch die Zuwendung zu bekommen, die ein Kind braucht.
· wichtige Beziehungen zu schützen. Für Kinder ist es leichter zu glauben, dass sie schlechte Behandlung verdient haben, als den Glauben an gute Eltern zu verlieren.
· uns durch Anpassung vor Gewalt und existentieller Bedrohung zu schützen.

Da es keine Kindheit ohne Verletzungen gibt, kennen wir alle solche Teile. Allerdings ist die Ladung der Teile sehr unterschiedlich. Sie können unangenehm sein und uns einschränken – sie können uns aber auch massiv schaden, indem sie Entwertungen und Angriffe innerlich wiederholen, uns verbieten, familiäre Geheimnisse wie Missbrauch zu thematisieren und eigene Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Die Versuchung ist groß, diese Teile zu bekämpfen. Manchmal können wir sie damit ein wenig zurückdrängen. Aber wirkliche Veränderung kann nur dann gelingen, wenn wir diesen Teilen wertschätzend begegnen und anerkennen, dass sie nicht so stark wären, wenn sie nicht wichtig gewesen wären.

Wir arbeiten also nicht daran, sie mundtot zu machen, sondern versuchen, sie ins Boot zu bekommen und sie davon zu überzeugen, dass ihre Strategien heute nicht mehr nötig sind. Bei traumaassoziierten Teilen braucht es dafür Therapie, wenn die Teile nicht in engem Sinne traumaassoziiert sind, kann das auch im Coaching gelingen.