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Scheinerwachsene Wächter

Heute schon mit Ihrem Inneren Kritiker gesprochen? Oder Stress mit Ihrer Perfektionistin gehabt?

Vor allem vom Inneren Kritiker ist inzwischen viel die Rede. Beliebt ist er nicht und viele Strategien zielen darauf ab, ihn zum Schweigen zu bringen oder Gegenstimmen aufzubauen. Denn ein starker innerer Kritiker kann überaus quälend sein.

Ich möchte einen anderen Weg vorschlagen. Denn jedes Mitglied des Inneren Teams hat eine positive Absicht. Auch wenn die Strategien mancher Teammitglieder schwierig, leidvoll oder destruktiv sind – im Kern wollen sie uns helfen.

Was also kann ein Innerer Kritiker, eine Perfektionistin im Sinn haben?

Es geht ihnen im Kern nicht um das, wovon sie reden. Es geht der Perfektionistin nicht um Ihre Präsentation, es geht dem Inneren Kritiker nicht darum, ob Ihre Wortwahl optimal war. Es geht Ihnen um Schutz.

Versuchen Sie es einmal, gehen Sie mit den Anteilen in Dialog und fragen Sie immer weiter: Warum ist wichtig, dass die Präsentation perfekt ist? Warum ist es wichtig, dass ich perfekt bin? Irgendwann landen Sie an einem Punkt wie: „Wenn Du perfekt bist, kannst Du nicht mehr angegriffen oder bloßgestellt werden, dann wirst Du endlich akzeptiert“. Und wenn Sie den Teil dann fragen, wann er angefangen hat, Sie dazu anzutreiben und was passiert wäre, wenn er nicht gekommen wäre, dann wird er Ihnen Situationen zeigen, wo Sie verletzt worden sind.

Der Kritiker und die Perfektionistin sind Wächter. Ihnen geht es nur mittelbar um die Qualität Ihrer Arbeit – ihre eigentliche Motivation ist ein „Nie wieder!“. Nie wieder so verletzt oder gedemütigt werden, so allein sein. Daher ist es nur begrenzt wirksam, mit Ihnen darüber zu diskutieren, wie perfekt Ihre Arbeit sein muss. Das erreicht nur ihre rationale Außenseite.

Ich nenne diese Wächter frei nach Michael Ende ‚Scheinerwachsene‘. So wie der Scheinriese in Jim Knopf werden auch sie umso kleiner, je näher man kommt. Von weitem wirken sie wie Erwachsene – von nahem erkennt man, dass sie eigentlich Kinder sind. Sie folgen einer kindlichen und daher unwiderlegbaren Logik (noch ein Grund, warum es nur begrenzt wirksam ist, mit ihnen zu diskutieren). Ihre Logik entspringt magischem Denken. Erstens ist Perfektion nicht möglich – und zweitens könnten wir auch dann angegriffen, beschämt und ausgegrenzt werden.

Ähnliches gilt für die Glaubenssätze von Mutter Theresa („Wenn ich mich aufopfere, werde ich geliebt“) und des Kontrolleurs („Wenn ich alles unter Kontrolle habe, kann nichts Schlimmes passieren“).

Wenn Sie also diese Anteile erreichen wollen, dann sollten Sie zunächst verstehen und würdigen, was deren Aufgabe in Ihrem Leben war. Erst dann kann es möglich werden, darüber zu sprechen, dass ihre Strategie heute nicht mehr nötig ist.

Wie Introjekte entstehen

Manche inneren Anteile sprechen wie der Vater, die Mutter oder ein anderer Mensch, der prägend für uns war. Das fällt allem dann auf, wenn diese Teile ein Verhalten wiederholen, unter dem wir gelitten haben, wenn sie uns also angreifen, kritisieren, lächerlich machen.

In der Psychotherapie sprechen wir von ‚Introjekten‘. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „hineinwerfen“. Wenn wir etwas introjizieren, dann übernehmen wir Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen von jemand anderem vollständig und unverarbeitet, wir verschlucken diese gewissermaßen. Das ist vor allem dann schwierig, wenn das Verschluckte nicht dem entspricht, wie wir eigentlich denken und uns verhalten wollen.

Manchmal wird das so verstanden, als würden wir in unserem Inneren Team tatsächlich diesem Menschen begegnen, mit dem wir schwierige Erfahrungen gemacht haben. Als wäre diese/r Teil unseres Inneren Teams geworden.

In aller Regel ist dem nicht so. Menschen können uns viel antun, in bestimmten Situationen viel Macht über uns gewinnen – aber sie haben nicht die Macht, Teil unseres Inneren Teams zu werden. Die Teile SIND also nicht das Introjekt – sondern sie haben etwas introjiziert– und zwar aus guten Gründen. Sie tun das nicht, um uns zu schaden, sondern um uns zu helfen.

Warum übernehmen diese Teile Verhaltensweisen, die uns geschadet haben?

Ihre Strategien sind in Situationen entstanden, in denen wir extrem abhängig waren, in denen wir oft noch Kinder waren. Sie sollten dazu dienen,…

· durch Anpassung an Erwartungen doch noch die Zuwendung zu bekommen, die ein Kind braucht.
· wichtige Beziehungen zu schützen. Für Kinder ist es leichter zu glauben, dass sie schlechte Behandlung verdient haben, als den Glauben an gute Eltern zu verlieren.
· uns durch Anpassung vor Gewalt und existentieller Bedrohung zu schützen.

Da es keine Kindheit ohne Verletzungen gibt, kennen wir alle solche Teile. Allerdings ist die Ladung der Teile sehr unterschiedlich. Sie können unangenehm sein und uns einschränken – sie können uns aber auch massiv schaden, indem sie Entwertungen und Angriffe innerlich wiederholen, uns verbieten, familiäre Geheimnisse wie Missbrauch zu thematisieren und eigene Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Die Versuchung ist groß, diese Teile zu bekämpfen. Manchmal können wir sie damit ein wenig zurückdrängen. Aber wirkliche Veränderung kann nur dann gelingen, wenn wir diesen Teilen wertschätzend begegnen und anerkennen, dass sie nicht so stark wären, wenn sie nicht wichtig gewesen wären.

Wir arbeiten also nicht daran, sie mundtot zu machen, sondern versuchen, sie ins Boot zu bekommen und sie davon zu überzeugen, dass ihre Strategien heute nicht mehr nötig sind. Bei traumaassoziierten Teilen braucht es dafür Therapie, wenn die Teile nicht in engem Sinne traumaassoziiert sind, kann das auch im Coaching gelingen.

Schutz- und Risikofaktoren bei Traumatisierungen

Was unterscheidet traumatische Erlebnisse von anderen? Trauma bedeutet: jemand erlebt etwas, das seine Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt.

Menschen können vieles verarbeiten, wenn sie Unterstützung, Trost und jedenfalls im nachhinein Schutz finden. Anders sieht es aus, wenn niemand uns auffängt, wenn Gewalt, Grenzüberschreitungen oder Demütigungen bagatellisiert werden oder uns gar die Schuld daran gegeben wird.

Konstruktive Beziehungen helfen also bei der Verarbeitung. Und sie stärken uns nicht nur im Nachhinein. Wer früh die Erfahrung machen konnte, ernst genommen, als liebenswerter Mensch behandelt zu werden, kann potentiell traumatisierenden Erfahrungen stabiler begegnen als jemand, der auch zuvor immer wieder angegriffen, gedemütigt oder vernachlässigt wurde. Denn er kann den Erfahrungen innerlich etwas entgegensetzen.

Aus dem gleichen Grund sind wir anfälliger, wenn wir krank oder in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, gerade eine Trennung überstanden oder einen wichtigen Menschen verloren haben.

Ebenso ist die Natur des Ereignisses von Bedeutung. Auch Unfälle oder Naturkatastrophen können uns traumatisieren. Aber gezielt angegriffen zu werden, erschüttert uns viel mehr und beschädigt unser Vertrauen in die Welt tiefgreifender. Das gilt umso mehr, wenn dieser Mensch uns vertraut ist, wenn wir eigentlich Unterstützung und Schutz von ihm erwarten dürften.

Dabei gibt es verschiedene Ebenen von Traumatisierungen:
· einmalige schlimme Ereignisse.
· ein chronisch traumatisierendes, von Vernachlässigung, Gewalt oder Grenzüberschreitungen geprägtes Umfeld.
· prägende Erfahrungen unterhalb dessen, was wir normalerweise als ‚Trauma‘ bezeichnen (wie Mobbing, Demütigungen, frühe Krankenhausaufenthalte). Ich habe dafür vor vielen Jahren den Begriff ‚Mikro-Trauma‘ geprägt.

Dieser Begriff ist wichtig und schwierig zugleich. Er ist schwierig, weil damit das Spezifische schwerer Traumatisierungen verloren zu gehen droht. Eine Posttraumatische Belastungsstörung gehört zu den quälendsten Symptomen, die man sich vorstellen kann. Den Begriff ‚Trauma‘ auszuweiten, kann vor diesem Hintergrund als Verharmlosung verstanden werden.

Zugleich zeigen sich Mikro-Traumatisierungen im Inneren Team in einer ähnlichen Struktur. In verstörenden und traumatischen Situationen frieren innere Anteile ein und erleben diese als ewige Gegenwart. Und es entwickeln sich Wächter, die diese verletzten Anteile schützen.

Beides finden wir auch bei Mikro-Traumatisierungen – auch wenn die ‚Ladung‘ der Verletzten hier weniger hoch und die Strategien der Wächter weniger massiv sind. Diese Gemeinsamkeit zu sehen, bietet die Chance, Traumatisierungen besser zu verstehen. Es wird dann deutlich, dass wir diese Struktur alle kennen – wenn auch in extrem unterschiedlichem Ausmaß.

Verletzte Anteile und ihre Wächter

Wenn ein Mensch eine verstörende oder traumatisierende Erfahrung macht, dann bleiben innere Anteile in dieser Erfahrung stecken. Sie frieren gewissermaßen in dieser Situation ein.

Die Teile wissen dann nicht, dass die Situation lange vorbei ist, dass der prügelnde Vater, die demütigende Lehrerin keine Macht mehr über uns haben. Ebenso wenig wissen sie, dass wir erwachsen geworden sind.

Für verletzte Teile ist die verstörende oder traumatisierende Situation ewige Gegenwart. Und wenn etwas passiert, dass uns an diese Situation erinnert, dann werden sie ‚getriggert‘ und überfluten uns mit den alten Gefühlen.

Damit dies nicht passiert, entwickeln sich Wächter im Inneren Team. Sie schützen die verletzten Teile vor weiteren Verletzungen. Und sie schützen zugleich das innere System eines Menschen vor den Gefühlen der Verletzten. Sie sorgen dafür, dass wir die Wucht dieser Gefühle nicht mehr spüren müssen.

Das können sie auf verschiedene Weise tun. Sie können die Verletzten wegsperren, uns dazu bringen, nicht mehr zu spüren. Sie können schwierige Gefühle durch Alkohol, Drogen, ein Übermaß an Arbeit, Sport oder Computerspielen betäuben. Oder uns dazu antreiben, so perfekt zu sein, dass wir unangreifbar sind. Sie können versuchen, anderen Menschen so viel Angst einzujagen, dass diese uns nichts tun – oder uns dazu bringen, dass wir uns für andere aufopfern, damit diese uns lieben und uns nicht verlassen. Und sie können noch tausend andere Dinge tun, um zu verhindern, dass wir erneut so verletzt, gedemütigt oder traumatisiert werden.

Oft sind sie sehr erfolgreich darin, sie helfen uns, nicht in alten Erfahrungen
unterzugehen, trotz allem einen Weg ins Leben und unseren Platz zu finden. Wir
verdanken ihnen viel.

Zugleich haben die Strategien dieser Teile in unserem heutigen Leben oft erhebliche Nachteile. Sie schränken uns ein und können sehr leidvoll sein. Auch die Wächter sind in der alten Situation eingefroren, auch sie haben nicht realisiert, dass unsere Welt heute eine andere ist. Daher ist es nicht so leicht, sie dazu zu bringen, ihre Strategien zu verändern,

Haben nur TherapeutInnen mit dieser Dynamik zu tun? Nein. Wenn Sie als Coach mit KlientInnen zu tun haben, die Angst vor Präsentationen oder Schwierigkeiten haben, Konflikte einzugehen, können Sie davon ausgehen, dass ein verletzter innerer Anteil dahintersteckt. Wenn Sie mit einem inneren Kritiker oder einer Perfektionistin arbeiten, dann arbeiten Sie mit einem Wächter.

Auch wenn Coaches mit dieser Dynamik anders arbeiten als TherapeutInnen, sollten sie diese daher kennen. Sonst ist es schwer, die Hartnäckigkeit zu verstehen, mit der die Wächter an ihren Strategien festhalten – und damit auch schwer, sie für Veränderungen zu gewinnen.

Im nächsten Post der Reihe geht es darum, was verstörende und traumatisierende Situationen auszeichnet.

Warum die Arbeit mit dem Inneren Kind nicht reicht

Die Rede vom „inneren Kind“ ist inzwischen in aller Munde. Es geht ihm oft nicht gut, so viel ist bekannt, man muss sich um dieses Kind kümmern, es versorgen, es muss Heimat finden, wenn es uns gut gehen soll. Stimmt! Nur gibt es dabei leider einige Komplikationen.

Denn jeder, der das ernsthaft versucht, wird merken, dass das gar nicht so leicht ist. Erstens haben wir es nicht mit nur einem Kind zu tun – also nicht mit einem Einzelkind, sondern mit einer Geschwisterschar, einem Kindergarten, einer Horde unterschiedlichen Alters. Zweitens – und das ist noch entscheidender – ist es oft gar nicht so leicht, sich wirklich um diese Kinder zu kümmern. Es ist zwar leicht, einzusehen, dass wir das tun sollten, aber wenn wir wirklich versuchen, uns den verletzten, verstörten, einsamen oder gar traumatisierten inneren Kindern, die wir in uns tragen, zuzuwenden, dann stoßen wir auf Hindernisse.

Irgendwie kommt immer etwas dazwischen. Irgendwie vergessen wir es immer wieder, obwohl wir es uns doch vorgenommen hatten. Wir merken, dass wir irgendwann leicht gereizt denken: „Schon wieder ängstlich, obwohl ich mich so bemühe? Nun muss auch mal gut sein!“ Oder „Jetzt stell dich doch nicht so an, reiß Dich zusammen!“, „Nimm Dich nicht so wichtig“, „Das ist doch lächerlich“. Wir merken, dass der Kontakt just dann abreißt, wenn wir Kontakt zur Traurigkeit des Kindes bekommen – oder auch: wenn es dem Kind besser zu gehen droht.

All das macht Sinn. Und all das sind Hinweise darauf, dass wir es innerlich nicht nur mit einem Kind zu tun haben, das verletzt ist und um das sich alle inneren Anteile kümmern wollen. Sondern mit einem komplexen System, einem Inneren Team, das sich um diese Kinder schart. Verletzt wird nicht nur ein Kind, sondern ein ganzes System. Und dieses System mobilisiert eine ganze Reihe von Beschützern. Nicht alle derselben sind als Beschützer erkennbar, nicht alle diese Beschützer sind nett.

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir das ganze System im Blick haben. Dabei werden wir merken, dass wir manche inneren Anteile mögen – und andere schwierig finden, fürchten, nicht leiden können. Wir werden merken, dass manche Teile sich destruktiv verhalten, womöglich sogar feindlich zu sein scheinen.

Mit welchen Mitgliedern Ihres Inneren Teams haben Sie es schwer? Und welche sind Ihre Lieblinge?

Das Menschenbild des Inneren Teams

Jeder innere Anteil hat eine gute Absicht. Alles, was unsere inneren Anteile tun, hat einen Sinn. Jeder Mensch hat alle Fähigkeiten, die er braucht, bereits in sich. Wie klingt das in Ihren Ohren? Vertraut oder befremdlich? Wunderbar oder naiv?

Dem Inneren Team ist mit diesem Menschenbild tief in der Denkweise und den Werten der humanistischen Psychologie verankert. Von sich aus suchen alle inneren Anteile, sucht das innere System des Menschen nach Kontakt und Verbundenheit, nach Sicherheit in sich und mit anderen.

Aber dieses System wird durch schwierige Erfahrungen aus der Balance gebracht (und wir alle machen schwierige Erfahrungen, wenn auch in extrem unterschiedlichem Ausmaß). Dann versuchen die inneren Anteile, den Menschen zu schützen und suchen nach Wegen, wie dieser in einem schwierigen, womöglich destruktiven Umfeld überleben und einen Platz finden kann.

Die Strategien, welche sie dabei anwenden, sind heute häufig mit Leid verbunden und sie sehen aus heutiger Sicht oft destruktiv aus. Aber in der Zeit und in der Situation, in der sie entstanden sind, waren diese Strategien sinnvoll und nötig, die einzige Möglichkeit, sich zu schützen, welche der Teil gefunden hat. In einer wundervollen Formulierung von Peter Fürstenau waren die Strategien die „bestmögliche Lösung zum Zeitpunkt ihrer Entstehung“.

Das Innere Team verklammert damit Problem- und Ressourcenorientierung auf radikale Weise. Nicht nur, dass wir in der Arbeit mit dem Inneren Team nach ressourcenvollen Teammitgliedern suchen können, welche die Klientin oder den Klienten bei den derzeit anstehenden Entwicklungsschritten unterstützen können (das können wir auch!). Die Ressourcenorientierung ist noch viel grundlegender: denn in der Arbeit mit dem Inneren Team werden auch schwierige und destruktiv wirkende innere Anteilen als Ressourcen sichtbar. Wenn es gelingt, die Hintergründe ihres Verhaltens zu verstehen und sie davon zu überzeugen, dass diese Strategien nicht mehr nötig sind, dann werden sie ihre Energie für andere Aufgaben zur Verfügung stellen.

Das bedeutet: in der Arbeit mit dem Inneren Team geschieht Veränderung durch Verstehen und Würdigung.

KlientInnen erleben die Arbeit mit dem Inneren Team durch diesen konsequent entpathologisierenden und ressourcenorientierten Blick oft als sehr entlastend. Das Innere Team ermöglicht es ihnen, sich selbst zu verstehen und mildert daher Scham und Selbstvorwürfe. Dieser andere Blick auf sich selbst ist ein wichtiger Schritt in Richtung Veränderung, Selbstwirksamkeit und Hoffnung.

Wir sind viele

„Wir sind viele“ – das gilt auch im Inneren. Und das ‚Innere Kind‘, der ‚Innere Kritiker‘ sind inzwischen in aller Munde. Für PsychotherapeutInnen & Coaches lohnt ein differenzierterer Blick auf dieses ‚Innere Team‘. Denn kaum eine Methode kann die innere Dynamik eines Menschen so prägnant erfassen wie das Innere Team, kaum eine ermöglicht uns so gezielte und wirksame Interventionen.

Grundgedanke ist die Personalisierung der inneren Dynamik. Die unterschiedlichen Teile unserer Psyche werden als innere Personen gesehen und behandelt: als Personen mit sehr unterschiedlichem Charakter, mit je eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Zielen, einer je eigenen Geschichte.

Dieser Grundgedanke ist ebenso einfach wie genial. Denn wir alle haben gelernt, uns in andere Menschen hineinzuversetzen und zu verstehen, was diese motiviert. Indem wir Innenwelt und Außenwelt analog setzen, können wir dieses Verständnis auf den Umgang mit uns selbst übertragen. Wenn wir innere Anteile, mit denen wir es schwer haben, als Personen begreifen, die wie äußere Personen von Gefühlen bestimmt werden und vor dem Hintergrund ihrer Biographie handeln – dann können wir leichter verstehen, warum diese sich manchmal auf eine Weise verhalten, die uns ganz und gar nicht gefällt.

Dazu trägt bei, dass wir bei dieser Personalisierung unserer Innenwelt nicht nur unsere Verstehensmuster übertragen, sondern ganz beiläufig auch unsere Wertvorstellungen. Wir alle haben die Vorstellung verinnerlicht, dass Personen eine eigene Würde haben und dass man ihnen mit Respekt begegnen sollte. Durch die Personalisierung der inneren Welt werden diese Vorstellungen implizit als Idealvorstellung für den Umgang mit sich selbst übertragen.

Das schafft eine Basis dafür, alle innere Anteile zu respektieren, sie zu würdigen und in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen anzuerkennen. Und ihnen auch dann, wenn sie sich schwierig verhalten, eine gute Absicht zu unterstellen, die es zu ergründen lohnt.

Dafür braucht es auch im Inneren Team eine übergeordnete Instanz, die das Team leitet. Ihre Aufgabe ist es, allen zuzuhören, Konflikte zu klären, dominante Anteile zu bremsen und Entscheidungen zu treffen, die alle mittragen können. Ihre Aufgabe ist es auch, verletzte Anteile zu schützen und zu trösten . Wir nennen diese Instanz das ‚Oberhaupt‘ oder das ‚Selbst‘.

Psychotherapie und Coaching dienen dazu, diese Führungsinstanz zu stärken, Blockaden aufzulösen und die Selbstregulierungskräfte eines Menschen wieder oder erstmals freizusetzen.