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Resilienz aus Sicht des Inneren Teams

Resilient sein will jeder. Aber was bedeutet Resilienz? Unkaputtbar sein? In Drachenblut gebadet haben und unverletzbar durchs Feuer schreiten? Teflonbeschichtet alle Schwierige an sich abperlen lassen? In heiterer Gelassenheit dem Dalai Lama Konkurrenz machen?

Aus Sicht des Inneren Teams bedeutet Resilienz, sich und anderen vom Oberhaupt aus zu begegnen, also mit der Instanz in sich verbunden sein, die alle Teile wertschätzen und zugleich begrenzen kann und die sich um verletzte und ängstliche Teile kümmert.

Wenn wir mit allen inneren Anteilen verbunden sind, dann sind wir berührbar. Dann haben wir Angst, wenn wir Gewalt begegnen, sind verletzt, wenn wir abgewertet oder verlassen werden. Dann sind wir erschrocken und mitfühlend, wenn andere Gewalt ausgeliefert sind, machen uns Sorgen, wenn Krieg ausbricht oder eine Klimakatatastrophe droht und werden wütend, wenn andere feindselig sind.

Aber indem wir diesen Teilen verbunden sind, können wir sie wertschätzen, beruhigen und begrenzen und werden nicht von ihnen mitgerissen. Wir behalten den Zugang zu unseren Ressourcen, können uns versorgen, erholen und wieder entspannen.

Ebenso entstehen Entscheidungsspielräume und Räume für erwachsene innere Anteile. Wir können wählen, wie wir reagieren wollen, sehen mehrere Möglichkeiten und können Konsequenzen abschätzen. Wir können uns eher in die Perspektive anderer Menschen einfühlen, die Hintergründe von auch schwierigem Verhalten verstehen und entscheiden, ob es uns sinnvoll scheint, in eine Konfrontation einzusteigen oder nicht.

Resilienz bedeutet also nicht, dass ich nicht verletzt, verstört bin, dass ich keine Angst habe oder nicht in Schwierigkeiten geraten. Resilienz bedeutet, dass ich diesen Teilen mit ihren Gefühlen Raum geben und für sie sorgen kann. Resilienz bedeutet auch, nicht damit zu hadern, dass ich diese inneren Anteile und diese Gefühle haben, es bedeutet, meine Grenzen zu akzeptieren und meine Möglichkeiten zu sehen. Im besten Falle bedeutet es auch, die Verstrickungen, Grenzen und Möglichkeiten meiner Gegenüber zu sehen.

Resilienz bedeutet also, vom Oberhaupt bzw. Selbst aus auf meine inneren Anteile zu schauen und diese zu versorgen – und es bedeutet zugleich, dass meine inneren Anteile mir als Oberhaupt vertrauen.

Ressourcen aufbauen

Manchmal fehlt in unserem Inneren Team jemand. Vielleicht sind Sie als Dozentin fachlich top und gut in Kontakt – aber wenn Ihnen jemand abwertend begegnet, merken Sie schmerzlich, dass Ihnen eine innere Grenzwächterin fehlt. Oder Sie landen immer wieder in vollkommener Erschöpfung – und vermissen einen Ressourcenwächter, der gute Vorsätze in die Tat umsetzen könnte. Oder Sie wünschen sich eine Gelassene, für die es kein Drama ist, wenn Dinge schieflaufen. Oder, oder, oder….

Wie können wir vakanten Stellen im inneren Team besetzen und diese Teammitglieder aufbauen?

Manchmal haben wir dieses Teammitglied schon zur Verfügung – nur in anderen Situationen. Vielleicht können Sie in der Familie sehr gut Grenzen setzen – aber im Beruf fällt es Ihnen schwer (oder umgekehrt). Vielleicht sind Sie im Urlaub tiefenentspannt und gelassen – landen aber im Alltag regelmäßig im Hamsterrad.

Dann wäre die Frage, ob Sie dieses Teammitglied dazu bringen können, seinen Einsatzbereich zu erweitern. Vielleicht wäre es bereit, seinen Job auch im Beruf zu machen? Was bräuchte es dazu? Vielleicht müssten mit der Perfektionistin mal die Maßstäbe verhandelt werden, wie gut Sie performen müssen? Oder der Teil bräuchte Zeit mit Ihnen als ChefIn, um überhaupt Gehör für seine Vorschläge zu finden?

Wenn Sie selber ein solches Teammitglied nicht im Repertoire haben, dann vielleicht jemand in Ihrer Umgebung? Partner oder Partnerin? Onkel Egon? Hermine Granger oder Jürgen Klopp? Wenn auch vielleicht nicht genau in der Weise, die Sie suchen – aber doch so, dass die Richtung stimmt und Sie sich eine Scheibe abschneiden könnten?

In der Psychotherapie oder im Coaching können Sie Ihre KlientIn dazu einladen, im Rollentausch in die Haut eines Anteils hinein zu schlüpfen und aus dessen Perspektive zu sprechen. Welche Ideen hätte dieses Teammitglied für die vakante Stelle? Wie geht ihm mit der Chefin dieses Inneren Teams? Traumhafte Zusammenarbeit oder eher sperrig? Was bräuchte es für diesen neuen Job?

Manchmal ist es leicht, eine solche Neueinstellung ins Innere Team zu integrieren. Schwierig wird es, wenn andere Teile etwas dagegen haben – weil sie beispielsweise fürchten, dass andere sich abwenden, wenn Sie sich stärker abgrenzen oder weil sie gelernt haben, Abgrenzung für egoistisch zu halten. Dann ist es wichtig, zunächst mit dem Teil arbeiten, der etwas dagegen hat, denn sonst wird er die neue Entwicklung blockieren.

Welche Vakanz in Ihrem Inneren Team würden Sie gerne besetzen? Meldet sich jemand auf ihre interne Stellenausschreibung oder möchten Sie extern suchen (und bei wem)? Gibt es Teammitglieder, die etwas dagegen haben (und was)?

Ressourcenteile einladen

Im letzten Post der Reihe haben wir freie Kinder als Ressourcen im Inneren Team kennengelernt. Die Energie dieser Kinder kann uns auch zu anderen Ressourcen führen. Wenn wir uns erlauben, gemeinsam mit unseren KlientInnen zu spielen, können wir Bilder und Metaphern aufgreifen, verändern oder neu einführen.

Ausgangspunkt ist die Frage: wer könnte helfen, dieses Problem zu lösen, aus einer schwierigen oder bedrohlichen Situation herauszufinden?

Eine Wundermittel sind die Geschwister Leichtfuß. Wenn wir vor Problemen stehen, Verantwortung drückt, dann lohnt es, Schwester oder Bruder Leichtfuß zu fragen, wie sie da herangehen würden. Sie weisen darauf hin, dass schon keine Entscheidung ganz falsch sein und keine unser Leben (oder das unserer Mitmenschen) ruinieren wird. Sie bevorzugen leichte Wege, nehmen Proteste nicht allzu ernst, wollen Spaß haben und nicht zu viel Zeit mit Problemen verbringen. Sie rücken Prioritäten zurecht. Erstaunlicherweise lassen sich ihre Vorschläge oft 1:1 umsetzen.

Jeder Mensch hat einen weisen Teil in sich, der genau weiß, was für ihn gut ist. Er kennt drohende Fallen, weiß, welches Tempo das richtige und welcher Schritt dran ist (und welcher noch nicht). Wir können die KlientIn fragen, was der oder die Weise dazu sagen würde, sie vielleicht sogar dazu einladen, einmal in die Haut dieses Teils zu schlüpfen und ganz aus dessen Perspektive zu sprechen.

Und wir können schützende Wesen einladen: Engel, Ritter, Bärenmütter, … Natürlich müssen sie zur Sprache und zur Bilderwelt der KlientInnen passen. Diese Helferwesen können Teilen zu Hilfe kommen, die in schwierigen oder traumatischen Situationen feststecken. Sie können KlientInnen in schwierige Situationen begleiten, die aktuell anstehen. Es macht einen Unterschied, wenn wir bei der Begegnung mit Menschen, die uns Angst machen, innerlich einen Ritter dabeihaben.

Wir machen uns hier zunutze, dass wir mit dem Inneren Team in einer Bilderwelt arbeiten. Innere Welt und Psychodynamik drücken sich hier sich in Metaphern und Analogien aus. Wie in Märchen und Träumen sind dabei die Regeln der normalen Logik außer Kraft gesetzt, es ist eine magische Welt – eine Kinderwelt. Kinder denken so, für Kinder sind Zauberer und magische Helferwesen real.

Indem wir als TherapeutIn oder Coach KlientInnen spielerisch anregen, magische Problemlösungen zu erproben, erweitern wir den Möglichkeitsraum und machen deutlich, dass sich Denkweisen und Spielregeln ändern lassen. Das ist umso wirksamer, als die Teile, die in alten Spielregeln verhaftet sind, kindliche Teile sind, die in früheren Situationen feststecken.

Was würde Schwester oder Bruder Leichtfuß mit Blick auf Ihr aktuell drückendstes Problem vorschlagen?

Freie Kinder

Nicht alle Kinder im Inneren Team sind verletzt – es gibt auch lebendige, kreative, freie Kinder. Und diese sind unsere Kraftquellen, sie sind diejenigen, die dafür sorgen, dass wir unser Leben nicht nur bewältigen, sondern auch Freude am Leben haben, Kontakt genießen, Spaß an unserer Arbeit haben und kreativ sind. Wann immer Sie im Flow sind, sind Ihre freie inneren Kinder intensiv beschäftigt.

Dabei sind es nicht ANDERE innere Kinder, die diese wunderbaren Qualitäten haben. ALLE Kinder im Inneren Team haben diese Qualitäten von Lust an Spiel, Kreativität und Kontakt. Aber wenn diese Kinder verletzt werden, dann sind sie verstört, verängstigt und mit anderen Dingen beschäftigt. Dann brauchen sie das, was Kinder in diesen Situationen eben brauchen: Verständnis, Schutz, Trost und liebevolle Unterstützung.

Wenn sie diese Unterstützung bekommen, dann können sie sich erholen, und diese Qualitäten wiederfinden. Freie Kinder im Inneren Team sind also einerseits Teile, die nicht allzu schwer verletzt worden sind – zugleich schlummert die Qualität dieser Freiheit in jedem Kind im Inneren Team.

Wie können wir die freien Kinder in der Arbeit mit dem Inneren Team einladen?

Einerseits tun wir das ohnehin beständig. Wenn wir in der Therapie Verletzungen der Kinder heilen, dann können sie diese Qualitäten wiederfinden, wenn wir im Coaching innere Konflikte klären und Blockaden lösen – dann entsteht ein Raum, in den die freien Kinder hineinspringen können.

Zugleich können wir sie auch gezielt einladen. Indem wir sie mitdenken und davon ausgehen, dass sie da sind. Humor lädt sie ein. Die implizite und explizite Erlaubnis, dass auch schöne Dinge Thema sein dürfen – und wir uns mitfreuen, wenn KlientInnen von Erfolgen oder beglückenden Erfahrungen erzählen. Oder dass wir sehr aufmerksam zuhören, auch wenn es um Schönes geht (denn manchmal erzählen KlientInnen nur sehr verklausuliert davon, weil sie gelernt haben, dass ‚Angeben‘ nicht erlaubt und jemand neidisch ist, wenn es ihnen gut geht und sie erfolgreich sind).

Und wir können diese freien Kinder direkt ansprechen und sie fragen, was diese denn brauchen würden, um im Leben der Klientin präsenter zu sein. Man erfährt erstaunliche Dinge dabei. Diese Arbeit kann tief bewegend sein und unmittelbar dazu führen, dass KlientInnen wieder Zugang zu lange verschütteten Ressourcen bekommen oder neue entdecken.

Nicht zuletzt macht die Ausrichtung auf die Qualitäten der freien Kinder auch uns als TherapeutInnen und Coaches Spaß. Unser Kontakt zu den KlientInnen wird intensiver, die Arbeit lustiger, leichter – und effektiver.

Dürfen Ihre freien Kinder in Ihrer Arbeit als PsychotherapeutIn oder Coach eigentlich mitspielen?

Das Selbst

Was wir von uns selbst wahrnehmen, sind vor allem die unterschiedlichen Mitglieder unseres Inneren Teams mit ihren Gefühlen und Impulsen. Gleichwohl bestehen wir nicht nur aus diesen. Es gibt eine Instanz in uns, welche unsere innere Landschaft überblickt und die Einfluss auf die innere Dynamik und auf unser Verhalten nehmen kann. Und wir identifizieren uns mit diesem inneren Beobachter: wir sagen „Ich“ und nicht „Wir“.

Wir nennen diese Instanz ‚Oberhaupt‘ oder ‚Selbst‘. Das Selbst ist einerseits ein Geisteszustand, in dem wir unsere unterschiedlichen Anteile wahrnehmen und beobachten können. Soweit entspricht es der Haltung der buddhistischen Achtsamkeit: einem Zustand, in dem alles akzeptiert wird, wie es ist. Zugleich ist das Selbst auch unsere Steuerungsinstanz. Seine Aufgabe besteht darin, sich um einzelne Teammitglieder zu kümmern, die innere Dynamik in konstruktive Bahnen zu lenken und dafür zu sorgen, dass der Mensch sich so verhält, dass es für ihn und nach Möglichkeit auch für andere gut ist.

Das Selbst oder Oberhaupt hat also eine Führungsaufgabe. Im Coaching trägt es Züge einer guten Chefin. Im Kontext der Psychotherapie gewinnt es Konturen einer Elternfigur – seine Aufgabe besteht darin, zu schützen, zu trösten und verletzte Stimmen in Sicherheit zu bringen. Die beste Metapher ist hier das Bild idealer Eltern. Was auch passieren mag, ideale Eltern bleiben da, sind ansprechbar, fühlen sich zuständig. Sie sind von der Zuversicht erfüllt, dass das Leben weitergeht und sich Lösungen finden werden, auch wenn noch unklar ist, wie diese aussehen können. Ideale Eltern nehmen die Angst ihrer Kinder ernst, ohne sich von ihr anstecken zu lassen.

Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, können wir jedem unserer Anteile empathisch und akzeptierend begegnen. Wir sind in der Lage, verletzte und verängstigte Anteile zu beruhigen und zu versorgen. Und wir identifizieren uns mit keinem Anteil so stark, dass wir andere abwerten oder aus den Augen verlieren.

Unabhängig vom je konkreten Ziel der Zusammenarbeit ist es Aufgabe von PsychotherapeutInnen und Coaches, KlientInnen dabei zu unterstützen, diese Ressource in sich zu finden und Vertrauen zu ihr entwickeln.

Wenn wir einen Menschen fragen, welches Gefühl er einem inneren Anteil gegenüber hat, können wir leicht herausfinden, ob er diesem gerade aus dem Selbst heraus begegnet. Wenn er mit seiner Selbstenergie verbunden ist, wird er sich mitfühlend, interessiert, verantwortlich zeigen – wenn er mit Angst, Hilflosigkeit oder Wut reagiert, ist ein Teil am Werk.

Kleiner Test: Wenn Sie auf einen für Sie schwierigen inneren Anteil schauen – welche Gefühle haben Sie? Wenn Sie mit Angst, Hilflosigkeit oder Zorn reagieren: welcher Anteil ist gerade am Ruder?

Scheinerwachsene Wächter

Heute schon mit Ihrem Inneren Kritiker gesprochen? Oder Stress mit Ihrer Perfektionistin gehabt?

Vor allem vom Inneren Kritiker ist inzwischen viel die Rede. Beliebt ist er nicht und viele Strategien zielen darauf ab, ihn zum Schweigen zu bringen oder Gegenstimmen aufzubauen. Denn ein starker innerer Kritiker kann überaus quälend sein.

Ich möchte einen anderen Weg vorschlagen. Denn jedes Mitglied des Inneren Teams hat eine positive Absicht. Auch wenn die Strategien mancher Teammitglieder schwierig, leidvoll oder destruktiv sind – im Kern wollen sie uns helfen.

Was also kann ein Innerer Kritiker, eine Perfektionistin im Sinn haben?

Es geht ihnen im Kern nicht um das, wovon sie reden. Es geht der Perfektionistin nicht um Ihre Präsentation, es geht dem Inneren Kritiker nicht darum, ob Ihre Wortwahl optimal war. Es geht Ihnen um Schutz.

Versuchen Sie es einmal, gehen Sie mit den Anteilen in Dialog und fragen Sie immer weiter: Warum ist wichtig, dass die Präsentation perfekt ist? Warum ist es wichtig, dass ich perfekt bin? Irgendwann landen Sie an einem Punkt wie: „Wenn Du perfekt bist, kannst Du nicht mehr angegriffen oder bloßgestellt werden, dann wirst Du endlich akzeptiert“. Und wenn Sie den Teil dann fragen, wann er angefangen hat, Sie dazu anzutreiben und was passiert wäre, wenn er nicht gekommen wäre, dann wird er Ihnen Situationen zeigen, wo Sie verletzt worden sind.

Der Kritiker und die Perfektionistin sind Wächter. Ihnen geht es nur mittelbar um die Qualität Ihrer Arbeit – ihre eigentliche Motivation ist ein „Nie wieder!“. Nie wieder so verletzt oder gedemütigt werden, so allein sein. Daher ist es nur begrenzt wirksam, mit Ihnen darüber zu diskutieren, wie perfekt Ihre Arbeit sein muss. Das erreicht nur ihre rationale Außenseite.

Ich nenne diese Wächter frei nach Michael Ende ‚Scheinerwachsene‘. So wie der Scheinriese in Jim Knopf werden auch sie umso kleiner, je näher man kommt. Von weitem wirken sie wie Erwachsene – von nahem erkennt man, dass sie eigentlich Kinder sind. Sie folgen einer kindlichen und daher unwiderlegbaren Logik (noch ein Grund, warum es nur begrenzt wirksam ist, mit ihnen zu diskutieren). Ihre Logik entspringt magischem Denken. Erstens ist Perfektion nicht möglich – und zweitens könnten wir auch dann angegriffen, beschämt und ausgegrenzt werden.

Ähnliches gilt für die Glaubenssätze von Mutter Theresa („Wenn ich mich aufopfere, werde ich geliebt“) und des Kontrolleurs („Wenn ich alles unter Kontrolle habe, kann nichts Schlimmes passieren“).

Wenn Sie also diese Anteile erreichen wollen, dann sollten Sie zunächst verstehen und würdigen, was deren Aufgabe in Ihrem Leben war. Erst dann kann es möglich werden, darüber zu sprechen, dass ihre Strategie heute nicht mehr nötig ist.

Wie Introjekte entstehen

Manche inneren Anteile sprechen wie der Vater, die Mutter oder ein anderer Mensch, der prägend für uns war. Das fällt allem dann auf, wenn diese Teile ein Verhalten wiederholen, unter dem wir gelitten haben, wenn sie uns also angreifen, kritisieren, lächerlich machen.

In der Psychotherapie sprechen wir von ‚Introjekten‘. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „hineinwerfen“. Wenn wir etwas introjizieren, dann übernehmen wir Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen von jemand anderem vollständig und unverarbeitet, wir verschlucken diese gewissermaßen. Das ist vor allem dann schwierig, wenn das Verschluckte nicht dem entspricht, wie wir eigentlich denken und uns verhalten wollen.

Manchmal wird das so verstanden, als würden wir in unserem Inneren Team tatsächlich diesem Menschen begegnen, mit dem wir schwierige Erfahrungen gemacht haben. Als wäre diese/r Teil unseres Inneren Teams geworden.

In aller Regel ist dem nicht so. Menschen können uns viel antun, in bestimmten Situationen viel Macht über uns gewinnen – aber sie haben nicht die Macht, Teil unseres Inneren Teams zu werden. Die Teile SIND also nicht das Introjekt – sondern sie haben etwas introjiziert– und zwar aus guten Gründen. Sie tun das nicht, um uns zu schaden, sondern um uns zu helfen.

Warum übernehmen diese Teile Verhaltensweisen, die uns geschadet haben?

Ihre Strategien sind in Situationen entstanden, in denen wir extrem abhängig waren, in denen wir oft noch Kinder waren. Sie sollten dazu dienen,…

· durch Anpassung an Erwartungen doch noch die Zuwendung zu bekommen, die ein Kind braucht.
· wichtige Beziehungen zu schützen. Für Kinder ist es leichter zu glauben, dass sie schlechte Behandlung verdient haben, als den Glauben an gute Eltern zu verlieren.
· uns durch Anpassung vor Gewalt und existentieller Bedrohung zu schützen.

Da es keine Kindheit ohne Verletzungen gibt, kennen wir alle solche Teile. Allerdings ist die Ladung der Teile sehr unterschiedlich. Sie können unangenehm sein und uns einschränken – sie können uns aber auch massiv schaden, indem sie Entwertungen und Angriffe innerlich wiederholen, uns verbieten, familiäre Geheimnisse wie Missbrauch zu thematisieren und eigene Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Die Versuchung ist groß, diese Teile zu bekämpfen. Manchmal können wir sie damit ein wenig zurückdrängen. Aber wirkliche Veränderung kann nur dann gelingen, wenn wir diesen Teilen wertschätzend begegnen und anerkennen, dass sie nicht so stark wären, wenn sie nicht wichtig gewesen wären.

Wir arbeiten also nicht daran, sie mundtot zu machen, sondern versuchen, sie ins Boot zu bekommen und sie davon zu überzeugen, dass ihre Strategien heute nicht mehr nötig sind. Bei traumaassoziierten Teilen braucht es dafür Therapie, wenn die Teile nicht in engem Sinne traumaassoziiert sind, kann das auch im Coaching gelingen.

Schutz- und Risikofaktoren bei Traumatisierungen

Was unterscheidet traumatische Erlebnisse von anderen? Trauma bedeutet: jemand erlebt etwas, das seine Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt.

Menschen können vieles verarbeiten, wenn sie Unterstützung, Trost und jedenfalls im nachhinein Schutz finden. Anders sieht es aus, wenn niemand uns auffängt, wenn Gewalt, Grenzüberschreitungen oder Demütigungen bagatellisiert werden oder uns gar die Schuld daran gegeben wird.

Konstruktive Beziehungen helfen also bei der Verarbeitung. Und sie stärken uns nicht nur im Nachhinein. Wer früh die Erfahrung machen konnte, ernst genommen, als liebenswerter Mensch behandelt zu werden, kann potentiell traumatisierenden Erfahrungen stabiler begegnen als jemand, der auch zuvor immer wieder angegriffen, gedemütigt oder vernachlässigt wurde. Denn er kann den Erfahrungen innerlich etwas entgegensetzen.

Aus dem gleichen Grund sind wir anfälliger, wenn wir krank oder in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, gerade eine Trennung überstanden oder einen wichtigen Menschen verloren haben.

Ebenso ist die Natur des Ereignisses von Bedeutung. Auch Unfälle oder Naturkatastrophen können uns traumatisieren. Aber gezielt angegriffen zu werden, erschüttert uns viel mehr und beschädigt unser Vertrauen in die Welt tiefgreifender. Das gilt umso mehr, wenn dieser Mensch uns vertraut ist, wenn wir eigentlich Unterstützung und Schutz von ihm erwarten dürften.

Dabei gibt es verschiedene Ebenen von Traumatisierungen:
· einmalige schlimme Ereignisse.
· ein chronisch traumatisierendes, von Vernachlässigung, Gewalt oder Grenzüberschreitungen geprägtes Umfeld.
· prägende Erfahrungen unterhalb dessen, was wir normalerweise als ‚Trauma‘ bezeichnen (wie Mobbing, Demütigungen, frühe Krankenhausaufenthalte). Ich habe dafür vor vielen Jahren den Begriff ‚Mikro-Trauma‘ geprägt.

Dieser Begriff ist wichtig und schwierig zugleich. Er ist schwierig, weil damit das Spezifische schwerer Traumatisierungen verloren zu gehen droht. Eine Posttraumatische Belastungsstörung gehört zu den quälendsten Symptomen, die man sich vorstellen kann. Den Begriff ‚Trauma‘ auszuweiten, kann vor diesem Hintergrund als Verharmlosung verstanden werden.

Zugleich zeigen sich Mikro-Traumatisierungen im Inneren Team in einer ähnlichen Struktur. In verstörenden und traumatischen Situationen frieren innere Anteile ein und erleben diese als ewige Gegenwart. Und es entwickeln sich Wächter, die diese verletzten Anteile schützen.

Beides finden wir auch bei Mikro-Traumatisierungen – auch wenn die ‚Ladung‘ der Verletzten hier weniger hoch und die Strategien der Wächter weniger massiv sind. Diese Gemeinsamkeit zu sehen, bietet die Chance, Traumatisierungen besser zu verstehen. Es wird dann deutlich, dass wir diese Struktur alle kennen – wenn auch in extrem unterschiedlichem Ausmaß.

Verletzte Anteile und ihre Wächter

Wenn ein Mensch eine verstörende oder traumatisierende Erfahrung macht, dann bleiben innere Anteile in dieser Erfahrung stecken. Sie frieren gewissermaßen in dieser Situation ein.

Die Teile wissen dann nicht, dass die Situation lange vorbei ist, dass der prügelnde Vater, die demütigende Lehrerin keine Macht mehr über uns haben. Ebenso wenig wissen sie, dass wir erwachsen geworden sind.

Für verletzte Teile ist die verstörende oder traumatisierende Situation ewige Gegenwart. Und wenn etwas passiert, dass uns an diese Situation erinnert, dann werden sie ‚getriggert‘ und überfluten uns mit den alten Gefühlen.

Damit dies nicht passiert, entwickeln sich Wächter im Inneren Team. Sie schützen die verletzten Teile vor weiteren Verletzungen. Und sie schützen zugleich das innere System eines Menschen vor den Gefühlen der Verletzten. Sie sorgen dafür, dass wir die Wucht dieser Gefühle nicht mehr spüren müssen.

Das können sie auf verschiedene Weise tun. Sie können die Verletzten wegsperren, uns dazu bringen, nicht mehr zu spüren. Sie können schwierige Gefühle durch Alkohol, Drogen, ein Übermaß an Arbeit, Sport oder Computerspielen betäuben. Oder uns dazu antreiben, so perfekt zu sein, dass wir unangreifbar sind. Sie können versuchen, anderen Menschen so viel Angst einzujagen, dass diese uns nichts tun – oder uns dazu bringen, dass wir uns für andere aufopfern, damit diese uns lieben und uns nicht verlassen. Und sie können noch tausend andere Dinge tun, um zu verhindern, dass wir erneut so verletzt, gedemütigt oder traumatisiert werden.

Oft sind sie sehr erfolgreich darin, sie helfen uns, nicht in alten Erfahrungen
unterzugehen, trotz allem einen Weg ins Leben und unseren Platz zu finden. Wir
verdanken ihnen viel.

Zugleich haben die Strategien dieser Teile in unserem heutigen Leben oft erhebliche Nachteile. Sie schränken uns ein und können sehr leidvoll sein. Auch die Wächter sind in der alten Situation eingefroren, auch sie haben nicht realisiert, dass unsere Welt heute eine andere ist. Daher ist es nicht so leicht, sie dazu zu bringen, ihre Strategien zu verändern,

Haben nur TherapeutInnen mit dieser Dynamik zu tun? Nein. Wenn Sie als Coach mit KlientInnen zu tun haben, die Angst vor Präsentationen oder Schwierigkeiten haben, Konflikte einzugehen, können Sie davon ausgehen, dass ein verletzter innerer Anteil dahintersteckt. Wenn Sie mit einem inneren Kritiker oder einer Perfektionistin arbeiten, dann arbeiten Sie mit einem Wächter.

Auch wenn Coaches mit dieser Dynamik anders arbeiten als TherapeutInnen, sollten sie diese daher kennen. Sonst ist es schwer, die Hartnäckigkeit zu verstehen, mit der die Wächter an ihren Strategien festhalten – und damit auch schwer, sie für Veränderungen zu gewinnen.

Im nächsten Post der Reihe geht es darum, was verstörende und traumatisierende Situationen auszeichnet.

Warum die Arbeit mit dem Inneren Kind nicht reicht

Die Rede vom „inneren Kind“ ist inzwischen in aller Munde. Es geht ihm oft nicht gut, so viel ist bekannt, man muss sich um dieses Kind kümmern, es versorgen, es muss Heimat finden, wenn es uns gut gehen soll. Stimmt! Nur gibt es dabei leider einige Komplikationen.

Denn jeder, der das ernsthaft versucht, wird merken, dass das gar nicht so leicht ist. Erstens haben wir es nicht mit nur einem Kind zu tun – also nicht mit einem Einzelkind, sondern mit einer Geschwisterschar, einem Kindergarten, einer Horde unterschiedlichen Alters. Zweitens – und das ist noch entscheidender – ist es oft gar nicht so leicht, sich wirklich um diese Kinder zu kümmern. Es ist zwar leicht, einzusehen, dass wir das tun sollten, aber wenn wir wirklich versuchen, uns den verletzten, verstörten, einsamen oder gar traumatisierten inneren Kindern, die wir in uns tragen, zuzuwenden, dann stoßen wir auf Hindernisse.

Irgendwie kommt immer etwas dazwischen. Irgendwie vergessen wir es immer wieder, obwohl wir es uns doch vorgenommen hatten. Wir merken, dass wir irgendwann leicht gereizt denken: „Schon wieder ängstlich, obwohl ich mich so bemühe? Nun muss auch mal gut sein!“ Oder „Jetzt stell dich doch nicht so an, reiß Dich zusammen!“, „Nimm Dich nicht so wichtig“, „Das ist doch lächerlich“. Wir merken, dass der Kontakt just dann abreißt, wenn wir Kontakt zur Traurigkeit des Kindes bekommen – oder auch: wenn es dem Kind besser zu gehen droht.

All das macht Sinn. Und all das sind Hinweise darauf, dass wir es innerlich nicht nur mit einem Kind zu tun haben, das verletzt ist und um das sich alle inneren Anteile kümmern wollen. Sondern mit einem komplexen System, einem Inneren Team, das sich um diese Kinder schart. Verletzt wird nicht nur ein Kind, sondern ein ganzes System. Und dieses System mobilisiert eine ganze Reihe von Beschützern. Nicht alle derselben sind als Beschützer erkennbar, nicht alle diese Beschützer sind nett.

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir das ganze System im Blick haben. Dabei werden wir merken, dass wir manche inneren Anteile mögen – und andere schwierig finden, fürchten, nicht leiden können. Wir werden merken, dass manche Teile sich destruktiv verhalten, womöglich sogar feindlich zu sein scheinen.

Mit welchen Mitgliedern Ihres Inneren Teams haben Sie es schwer? Und welche sind Ihre Lieblinge?