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„Oberhaupt“ (Schulz von Thun) versus „Selbst“ (Richard Schwartz)

Wie unterscheiden sich das „Oberhaupt“ von Schulz von Thun und das „Selbst“ im IFS von Richard Schwartz?
 
Das ‚Oberhaupt‘ (SvT) wird als ‚Führungskraft‘ im Inneren Team verstanden. Es nimmt eine Beobachterposition ein, kann zu allen Anteilen Kontakt aufnehmen und sich zugleich von diesen abgrenzen. Es folgt dem Bild, dass Entscheidungen, bei denen sich alle berücksichtigt fühlen, besser und tragfähiger sind. Denn jeder konnte sein Stück Weisheit beitragen und alle sind im Boot.
 
Das Oberhaupt hat die Aufgabe, diesen Prozess zu moderieren, dominante Anteile zu bremsen und Außenseiter zu integrieren. Ziel ist dabei eine doppelte Übereinstimmung: das Ergebnis soll zur äußeren Situation und zugleich zur eigenen inneren Mannschaft passen. Coaching mit dem Inneren Team zielt darauf, das Oberhaupt zu stärken, so dass ein Mensch immer mehr in Übereinstimmung mit sich selbst leben und zugleich den Herausforderungen der äußeren Welt immer besser gewachsen sein kann. Es geht um Entwicklung.
 
Das ‚Selbst‘ im IFS umfasst die gleichen Aspekte. Es ist ein Zustand von Achtsamkeit, in dem wir ohne Wertung alles wahrnehmen können, was in uns und anderen geschieht. Zugleich greift das Selbst ein, kümmert sich und übernimmt Verantwortung mit Blick auf die innere und äußere Welt. Aber das Konzept des ‚Selbst‘ geht darüber hinaus. Denn es hat zugleich eine existentielle Dimension, es ist der unzerstörbare Kern eines Menschen.

Auch wenn der Zugang zur Selbstenergie vollkommen verschüttet sein kann, hat jeder Mensch diese Qualität in sich. Selbstenergie weist über uns als einzelne hinaus. Es verbindet uns mit anderen Menschen und der Welt, es eröffnet eine spirituelle Perspektive. Wenn wir uns inneren Anteilen mit Selbstenergie zuwenden, dann können wir diesen dabei helfen, Verletzungen, Traumatisierungen und deren Folgen zu überwinden und loszulassen. Hier geht es um Heilung. Daher passt die Begrifflichkeit des ‚Selbst‘ besser zur Psychotherapie.
 
Ein gutes Bild für Selbstenergie ist das Bild idealer Eltern. Ideale Eltern bleiben da, egal, was passiert. In schwierigen oder traumatischen Situationen wissen sie vielleicht nicht die Lösung – aber sie vermitteln die Zuversicht und das Vertrauen, dass es mit ihrer Hilfe Schritt für Schritt weitergehen kann.

In der psychotherapeutischen Arbeit mit inneren Anteilen geht es im Kern darum, dass wir unsere KlientInnen dabei unterstützen, Kontakt zu ihrer Selbstenergie zu bekommen und allen ihren Teilen mit Selbstenergie zu begegnen. Teil dessen ist, dass auch wir selber so weit wie möglich von unserem Selbst aus arbeiten können. Achtsamkeit für unsere eigenen inneren Prozesse ist daher ein wichtiger Teil der therapeutischen Arbeit.
 
In der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir mit beiden Konzepten: Im psychotherapeutischen Bereich mit dem Selbst, im Beratungs- und Coaching-zweig auch mit dem pragmatischeren Konzept des Oberhaupts.


Diese Unterscheidung hat Karen Zoller herausgearbeitet, ihr Praxis-Buch „Coaching und Beratung mit dem Inneren Team“ erscheint im Herbst bei Klett-Cotta.

Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 30ff.

Hat das Innere System eine Führung?

Vor allem frühe Ansätze der Teilearbeit, wie die Transaktionsanalyse und die Gestalttherapie, nehmen nur die verschiedenen inneren Anteile in den Blick und beschreiben keine Führungsinstanz im inneren System.

Andere Ansätze (wie die Ego-State-Therapie oder Ellert Nijenhuis) befördern einen sogenannten „ANP“ (anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil) zum Leiter des Inneren Systems. Ein erwachsen wirkender und realitätsorientierter Anteil wird also als Führungsfigur angesprochen.

In der Integrativen Teilearbeit denken wir die Dynamik im Inneren Team dagegen im Anschluss an Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family System (IFS) von Richard Schwartz von einer Inneren Führungsinstanz her, dem „Oberhaupt“ (SvT) bzw. dem „Selbst“ (Schwartz). Das hat erhebliche und grundlegende Folgen für Menschenbild und Arbeitsweise.

Denn das Selbst oder das Oberhaupt wird gerade nicht als Teil verstanden. Es ist die Instanz in uns, mit der wir uns von allen inneren Anteilen und ihren Haltungen, Gefühlen und Impulsen unabhängig machen und abgrenzen können. Wir identifizieren uns mit dieser Instanz, darum sagen wir „ich“ und nicht „wir“. Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, werden wir nicht von der Energie einzelner Teile mitgerissen.

Zugleich sind wir vom Selbst oder Oberhaupt aus allen Teilen verbunden. Vom Oberhaupt oder Selbst aus können wir alle Teile gleichermaßen sehen, verstehen, wertschätzen und anerkennen. Wir können ihnen innerlich Raum geben, sehen, was sie Kostbares beitragen und was sie brauchen – und entscheiden, ob, wann und unter welchen Bedingungen wir ihnen auch nach außen hin Raum geben möchten.

Von dieser Perspektive aus sind ein kindlicher Teil, ein ‚Kreativer‘, ein ‚Rebell‘ oder ein spirituell orientierter Teil genauso relevant wie ein erwachsener und realitätsangepasster Teil. Wenn wir also letzteren als Chef des Inneren Systems ansprechen, gehen wir von einem anderen und engeren Menschenbild aus.

Bei Schulz von Thun, im IFS und in der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir so weit wie möglich vom Oberhaupt bzw. Selbst aus – und immer auf dieses hin. Egal, woran wir konkret arbeiten, wir zielen immer darauf, unsere KlientInnen und Klienten in Kontakt zu ihrer Oberhaupt- oder Selbstenergie zu bringen und sie damit in ihrer Fähigkeit zu stärken, in gutem Kontakt mit allen inneren Anteilen zu sein und sich zugleich auf einen für diesen Menschen selbst angemessene Weise auf seine Umwelt einstellen und diese gestalten zu können.


Zum Weiterlesen:
Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 78-99.

Personalisierung der inneren Dynamik

Grundgedanke der Arbeit mit inneren Anteilen ist die Personalisierung der inneren Dynamik. Die unterschiedlichen Anteile werden als innere Personen gesehen und behandelt – als Personen mit unterschiedlichem Charakter, je eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Zielen, einer je eigenen Geschichte.

Dieser Grundgedanke ist ebenso einfach wie genial. Denn wir alle haben gelernt, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Durch die Analogsetzung von Innen- und Außenwelt können wir dieses Verständnis auf den Umgang mit uns selbst übertragen. Wenn wir innere Anteile, mit denen wir es schwer haben, als Personen begreifen, die wie äußere Personen von Gefühlen bestimmt werden und vor dem Hintergrund ihrer Geschichte handeln, dann können wir leichter nachvollziehen, warum diese sich manchmal auf eine Weise verhalten, die wir schwierig finden.
 
Dazu kommt, dass wir dabei auch unsere Wertvorstellungen für einen angemessenen Umgang mit Personen übertragen. Auch wenn wir uns nicht immer daran halten – wir alle haben die Vorstellung verinnerlicht, dass man Personen mit Respekt und Wertschätzung begegnen sollte. Durch die Personalisierung der inneren Welt werden diese Vorstellungen implizit auf den Umgang mit sich selbst übertragen.

Innen wie außen setzt eine gedeihliche Dynamik voraus, dass sich alle Beteiligten respektiert, gewürdigt und in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gesehen und anerkannt fühlen und einen passenden Platz finden. Psychotherapie und Beratung dienen dazu, Konflikte und Blockaden aufzulösen und die Selbstregulationskräfte wieder freizusetzen. Die innere Dynamik wird in Analogie zu äußeren Gruppen gedacht – zur Dynamik in Arbeitsteams (Schulz von Thun) oder in Familien (Richard Schwartz).

Dabei gilt innen wie außen: das Verhalten, das man in schwierigen Situationen heißt das: ein Anteil ist nicht identisch mit seiner Wut (seiner Angst, seinem Kontrollbedürfnis, …) – sondern er wird unter bestimmten Voraussetzungen wütend oder ängstlich oder entwickelt ein Kontrollbedürfnis. Wenn die innere Dynamik sich entspannen kann, dann kann sich auch der Teil entspannen und schwierige Gefühle und schwierige Verhaltensweisen loslassen. Erst dann kann sein eigentliches Wesen sichtbar werden.

Mit dieser konsequenten Personalisierung arbeiten Friedemann Schulz von Thun und die IFS von Richard Schwartz – und wir in der Integrativen Teilearbeit im Anschluss an diese beiden. Auch die Ego-State-Therapie versteht innere Anteile in dieser Weise.

In der Schematherapie und in der Transaktionsanalyse dagegen werden die Teile stärker auf ihre Strategien und ihr Verhalten festgelegt. Ein kritisches Eltern-Ich ist vom Wesen her kritisch, wir können nur lernen, es seltener zu aktivieren. Auch in der Schematherapie wird zwischen dysfunktionalen und gesunden Modi unterschieden und Schemata werden verstanden als feste Muster aus Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen. Das Potential der Personalisierung wird hier also weniger ausgeschöpft.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 10ff.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Es gibt inzwischen viele verschiedene Formen der Teilearbeit und Teiletherapie. Was verbindet diese – und wie unterscheiden sie sich voneinander? Die Antwort ist gar nicht so leicht. Denn niemand kennt alle Formen der Teilearbeit gleich gut und jede/r hat einen Standort, ist also parteilich.

Beides gilt auch für mich. Mein Standort ist die Integrative Teilearbeit bzw. das integrative Modell des Inneren Teams, das ich in meinen Büchern und mit meinen Kolleginnen am Institut für Teilearbeit (IfiT) in Hamburg entwickelt habe. Natürlich finde ich diesen Ansatz am besten – darum habe ich ihn ja entwickelt…

Neben unserem Modell kenne ich sehr gut das Innere Team von Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family Systems (IfS) von Richard Schwartz – denn hier liegen meine Wurzeln. Transaktionsanalyse kenne ich gut, Gestalttherapie etwas. Ego-State-Therapie habe ich durch Bücher und auf Tagungen kennengelernt, Schematherapie durch Bücher und Diskussionen mit unseren TeilnehmerInnen.

Auf dieser Grundlage möchte ich in den nächsten Wochen den Versuch unternehmen, wesentliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Ansätze zu skizzieren – um einen Überblick zu geben, um die Besonderheiten unseres Ansatzes deutlich zu machen und um ins Gespräch zu kommen.

Dabei werde ich mich an folgenden Fragen orientieren:

1) Was ist der gemeinsame Ausgangspunkt der verschiedenen Ansätze?

2) Werden in einem Teilemodell nur innere Anteile beschrieben oder auch eine Führungsinstanz? Wenn es eine gibt: wie wird diese charakterisiert?

3) Geht ein Teilemodell von festen Kategorien aus oder geht es phänomenologisch vor? Weiß ich als TherapeutIn also, welche Art von inneren Anteilen ich zu suchen habe oder lasse ich mich davon überraschen, welche inneren Anteile dieser konkrete Mensch hat?

4) Wenn Teile sich auf eine Weise verhalten, die destruktive Folgen hat – sieht man ihre Strategien als etwas zu Würdigendes an, das eine Bedeutung hat oder als etwas zu Überwindendes, das man abzutrainieren versucht?

5) Fokussiert man auf Ressourcenorientierung und den Aufbau hilfreicher Gegenspieler – oder denkt man die Dynamik im inneren System von verletzten kindlichen Teilen und deren Wächtern her?

Neuausgabe vom „Inneren Team in der Psychotherapie“

Von dem Moment an, wo man sie in die Welt entlässt, haben Bücher ihr eigenes Leben. Dieses Buch ist nun seit dreizehn Jahren in der Welt unterwegs, und es hat eine erfreuliche Bahn gezogen. Es ist unterdessen zum Klassiker geworden. Es hat Geschwister bekommen (nämlich ein Buch über Aufstellungsarbeit mit dem Inneren Team, eines über die Arbeit mit schweren Erkrankungen und ein Arbeitsbuch für KlientInnen).

Und auf seinem Boden ist ein Institut gewachsen, nämlich das Institut für Integrative Teilearbeit in Hamburg (IfiT), in dem wir die Methoden und die Haltung der in dem Buch entworfenen Integrativen Teilearbeit lehren und weiterentwickeln.

Ich begegne diesem Buch mit Dankbarkeit, und es war mir eine Freude, es für diese 8. Auflage durchzusehen und zu überarbeiten. Die Grundlagen haben sich bewährt und die Grundstruktur ist die gleiche geblieben. Gleichwohl gab viel Anlass zu Veränderungen, denn ich habe und wir haben in diesen dreizehn Jahren viel gelernt, gelehrt und weiterentwickelt. 1/3 des Textes ist neu, zugleich ist fast genau so viel alter Text rausgeflogen, weil ich gestrafft und alles gestrichen habe, was mit dem Blick von heute überholt oder nicht mehr nötig war.

Noch stärker als zuvor denke ich psychotherapeutische Arbeit mit dem Inneren Team vom Selbst und der Selbstenergie her. Im Kern geht es um eine Haltung, um eine Haltung von Wertschätzung und Würdigung, die wir unseren Klientinnen und Klienten und ihren inneren
Anteilen gegenüber haben – und die wir hoffentlich auch unseren eigenen inneren Anteilen gegenüber haben. Wirksame Therapie, ›Heilung‹ und Wachstum speisen sich aus unserer Verbindung mit der Selbstenergie.

Es ist ein Kapitel über Aufstellungsarbeit in der Einzeltherapie hinzugekommen. Ich habe Ressourcenteile stärker in den Blick genommen, die Wachstums- und Therapieprozesse unterstützen und erleichtern können. Es gibt Kapitel über die Frage, wie wir präverbale, also sehr junge, innere Anteile erreichen können, über den Umgang mit destruktiv agierenden Wächtern, die Gewalt, Selbstverletzung und Suizidalität einsetzen, und über die Arbeit mit Bildern und Metaphern.

Und es gibt diverse neue Beispiele, die sich durch das Buch ziehen. Am wichtigsten sind mir dabei zwei Beispiele über die Arbeit mit Menschen im Autismusspektrum.

Die Neuausgabe meines Grundlagenbuches möchte ich zum Anlass für Serie nehmen, in der es um die Frage geht, was verschiedene Formen der Teilearbeit miteinander verbindet und wie sie sich voneinander unterscheiden. Immer Dienstags wird ein neuer Beitrag erscheinen.

Resilienz aus Sicht des Inneren Teams

Resilient sein will jeder. Aber was bedeutet Resilienz? Unkaputtbar sein? In Drachenblut gebadet haben und unverletzbar durchs Feuer schreiten? Teflonbeschichtet alle Schwierige an sich abperlen lassen? In heiterer Gelassenheit dem Dalai Lama Konkurrenz machen?

Aus Sicht des Inneren Teams bedeutet Resilienz, sich und anderen vom Oberhaupt aus zu begegnen, also mit der Instanz in sich verbunden sein, die alle Teile wertschätzen und zugleich begrenzen kann und die sich um verletzte und ängstliche Teile kümmert.

Wenn wir mit allen inneren Anteilen verbunden sind, dann sind wir berührbar. Dann haben wir Angst, wenn wir Gewalt begegnen, sind verletzt, wenn wir abgewertet oder verlassen werden. Dann sind wir erschrocken und mitfühlend, wenn andere Gewalt ausgeliefert sind, machen uns Sorgen, wenn Krieg ausbricht oder eine Klimakatatastrophe droht und werden wütend, wenn andere feindselig sind.

Aber indem wir diesen Teilen verbunden sind, können wir sie wertschätzen, beruhigen und begrenzen und werden nicht von ihnen mitgerissen. Wir behalten den Zugang zu unseren Ressourcen, können uns versorgen, erholen und wieder entspannen.

Ebenso entstehen Entscheidungsspielräume und Räume für erwachsene innere Anteile. Wir können wählen, wie wir reagieren wollen, sehen mehrere Möglichkeiten und können Konsequenzen abschätzen. Wir können uns eher in die Perspektive anderer Menschen einfühlen, die Hintergründe von auch schwierigem Verhalten verstehen und entscheiden, ob es uns sinnvoll scheint, in eine Konfrontation einzusteigen oder nicht.

Resilienz bedeutet also nicht, dass ich nicht verletzt, verstört bin, dass ich keine Angst habe oder nicht in Schwierigkeiten geraten. Resilienz bedeutet, dass ich diesen Teilen mit ihren Gefühlen Raum geben und für sie sorgen kann. Resilienz bedeutet auch, nicht damit zu hadern, dass ich diese inneren Anteile und diese Gefühle haben, es bedeutet, meine Grenzen zu akzeptieren und meine Möglichkeiten zu sehen. Im besten Falle bedeutet es auch, die Verstrickungen, Grenzen und Möglichkeiten meiner Gegenüber zu sehen.

Resilienz bedeutet also, vom Oberhaupt bzw. Selbst aus auf meine inneren Anteile zu schauen und diese zu versorgen – und es bedeutet zugleich, dass meine inneren Anteile mir als Oberhaupt vertrauen.

Ressourcen aufbauen

Manchmal fehlt in unserem Inneren Team jemand. Vielleicht sind Sie als Dozentin fachlich top und gut in Kontakt – aber wenn Ihnen jemand abwertend begegnet, merken Sie schmerzlich, dass Ihnen eine innere Grenzwächterin fehlt. Oder Sie landen immer wieder in vollkommener Erschöpfung – und vermissen einen Ressourcenwächter, der gute Vorsätze in die Tat umsetzen könnte. Oder Sie wünschen sich eine Gelassene, für die es kein Drama ist, wenn Dinge schieflaufen. Oder, oder, oder….

Wie können wir vakanten Stellen im inneren Team besetzen und diese Teammitglieder aufbauen?

Manchmal haben wir dieses Teammitglied schon zur Verfügung – nur in anderen Situationen. Vielleicht können Sie in der Familie sehr gut Grenzen setzen – aber im Beruf fällt es Ihnen schwer (oder umgekehrt). Vielleicht sind Sie im Urlaub tiefenentspannt und gelassen – landen aber im Alltag regelmäßig im Hamsterrad.

Dann wäre die Frage, ob Sie dieses Teammitglied dazu bringen können, seinen Einsatzbereich zu erweitern. Vielleicht wäre es bereit, seinen Job auch im Beruf zu machen? Was bräuchte es dazu? Vielleicht müssten mit der Perfektionistin mal die Maßstäbe verhandelt werden, wie gut Sie performen müssen? Oder der Teil bräuchte Zeit mit Ihnen als ChefIn, um überhaupt Gehör für seine Vorschläge zu finden?

Wenn Sie selber ein solches Teammitglied nicht im Repertoire haben, dann vielleicht jemand in Ihrer Umgebung? Partner oder Partnerin? Onkel Egon? Hermine Granger oder Jürgen Klopp? Wenn auch vielleicht nicht genau in der Weise, die Sie suchen – aber doch so, dass die Richtung stimmt und Sie sich eine Scheibe abschneiden könnten?

In der Psychotherapie oder im Coaching können Sie Ihre KlientIn dazu einladen, im Rollentausch in die Haut eines Anteils hinein zu schlüpfen und aus dessen Perspektive zu sprechen. Welche Ideen hätte dieses Teammitglied für die vakante Stelle? Wie geht ihm mit der Chefin dieses Inneren Teams? Traumhafte Zusammenarbeit oder eher sperrig? Was bräuchte es für diesen neuen Job?

Manchmal ist es leicht, eine solche Neueinstellung ins Innere Team zu integrieren. Schwierig wird es, wenn andere Teile etwas dagegen haben – weil sie beispielsweise fürchten, dass andere sich abwenden, wenn Sie sich stärker abgrenzen oder weil sie gelernt haben, Abgrenzung für egoistisch zu halten. Dann ist es wichtig, zunächst mit dem Teil arbeiten, der etwas dagegen hat, denn sonst wird er die neue Entwicklung blockieren.

Welche Vakanz in Ihrem Inneren Team würden Sie gerne besetzen? Meldet sich jemand auf ihre interne Stellenausschreibung oder möchten Sie extern suchen (und bei wem)? Gibt es Teammitglieder, die etwas dagegen haben (und was)?

Ressourcenteile einladen

Im letzten Post der Reihe haben wir freie Kinder als Ressourcen im Inneren Team kennengelernt. Die Energie dieser Kinder kann uns auch zu anderen Ressourcen führen. Wenn wir uns erlauben, gemeinsam mit unseren KlientInnen zu spielen, können wir Bilder und Metaphern aufgreifen, verändern oder neu einführen.

Ausgangspunkt ist die Frage: wer könnte helfen, dieses Problem zu lösen, aus einer schwierigen oder bedrohlichen Situation herauszufinden?

Eine Wundermittel sind die Geschwister Leichtfuß. Wenn wir vor Problemen stehen, Verantwortung drückt, dann lohnt es, Schwester oder Bruder Leichtfuß zu fragen, wie sie da herangehen würden. Sie weisen darauf hin, dass schon keine Entscheidung ganz falsch sein und keine unser Leben (oder das unserer Mitmenschen) ruinieren wird. Sie bevorzugen leichte Wege, nehmen Proteste nicht allzu ernst, wollen Spaß haben und nicht zu viel Zeit mit Problemen verbringen. Sie rücken Prioritäten zurecht. Erstaunlicherweise lassen sich ihre Vorschläge oft 1:1 umsetzen.

Jeder Mensch hat einen weisen Teil in sich, der genau weiß, was für ihn gut ist. Er kennt drohende Fallen, weiß, welches Tempo das richtige und welcher Schritt dran ist (und welcher noch nicht). Wir können die KlientIn fragen, was der oder die Weise dazu sagen würde, sie vielleicht sogar dazu einladen, einmal in die Haut dieses Teils zu schlüpfen und ganz aus dessen Perspektive zu sprechen.

Und wir können schützende Wesen einladen: Engel, Ritter, Bärenmütter, … Natürlich müssen sie zur Sprache und zur Bilderwelt der KlientInnen passen. Diese Helferwesen können Teilen zu Hilfe kommen, die in schwierigen oder traumatischen Situationen feststecken. Sie können KlientInnen in schwierige Situationen begleiten, die aktuell anstehen. Es macht einen Unterschied, wenn wir bei der Begegnung mit Menschen, die uns Angst machen, innerlich einen Ritter dabeihaben.

Wir machen uns hier zunutze, dass wir mit dem Inneren Team in einer Bilderwelt arbeiten. Innere Welt und Psychodynamik drücken sich hier sich in Metaphern und Analogien aus. Wie in Märchen und Träumen sind dabei die Regeln der normalen Logik außer Kraft gesetzt, es ist eine magische Welt – eine Kinderwelt. Kinder denken so, für Kinder sind Zauberer und magische Helferwesen real.

Indem wir als TherapeutIn oder Coach KlientInnen spielerisch anregen, magische Problemlösungen zu erproben, erweitern wir den Möglichkeitsraum und machen deutlich, dass sich Denkweisen und Spielregeln ändern lassen. Das ist umso wirksamer, als die Teile, die in alten Spielregeln verhaftet sind, kindliche Teile sind, die in früheren Situationen feststecken.

Was würde Schwester oder Bruder Leichtfuß mit Blick auf Ihr aktuell drückendstes Problem vorschlagen?

Freie Kinder

Nicht alle Kinder im Inneren Team sind verletzt – es gibt auch lebendige, kreative, freie Kinder. Und diese sind unsere Kraftquellen, sie sind diejenigen, die dafür sorgen, dass wir unser Leben nicht nur bewältigen, sondern auch Freude am Leben haben, Kontakt genießen, Spaß an unserer Arbeit haben und kreativ sind. Wann immer Sie im Flow sind, sind Ihre freie inneren Kinder intensiv beschäftigt.

Dabei sind es nicht ANDERE innere Kinder, die diese wunderbaren Qualitäten haben. ALLE Kinder im Inneren Team haben diese Qualitäten von Lust an Spiel, Kreativität und Kontakt. Aber wenn diese Kinder verletzt werden, dann sind sie verstört, verängstigt und mit anderen Dingen beschäftigt. Dann brauchen sie das, was Kinder in diesen Situationen eben brauchen: Verständnis, Schutz, Trost und liebevolle Unterstützung.

Wenn sie diese Unterstützung bekommen, dann können sie sich erholen, und diese Qualitäten wiederfinden. Freie Kinder im Inneren Team sind also einerseits Teile, die nicht allzu schwer verletzt worden sind – zugleich schlummert die Qualität dieser Freiheit in jedem Kind im Inneren Team.

Wie können wir die freien Kinder in der Arbeit mit dem Inneren Team einladen?

Einerseits tun wir das ohnehin beständig. Wenn wir in der Therapie Verletzungen der Kinder heilen, dann können sie diese Qualitäten wiederfinden, wenn wir im Coaching innere Konflikte klären und Blockaden lösen – dann entsteht ein Raum, in den die freien Kinder hineinspringen können.

Zugleich können wir sie auch gezielt einladen. Indem wir sie mitdenken und davon ausgehen, dass sie da sind. Humor lädt sie ein. Die implizite und explizite Erlaubnis, dass auch schöne Dinge Thema sein dürfen – und wir uns mitfreuen, wenn KlientInnen von Erfolgen oder beglückenden Erfahrungen erzählen. Oder dass wir sehr aufmerksam zuhören, auch wenn es um Schönes geht (denn manchmal erzählen KlientInnen nur sehr verklausuliert davon, weil sie gelernt haben, dass ‚Angeben‘ nicht erlaubt und jemand neidisch ist, wenn es ihnen gut geht und sie erfolgreich sind).

Und wir können diese freien Kinder direkt ansprechen und sie fragen, was diese denn brauchen würden, um im Leben der Klientin präsenter zu sein. Man erfährt erstaunliche Dinge dabei. Diese Arbeit kann tief bewegend sein und unmittelbar dazu führen, dass KlientInnen wieder Zugang zu lange verschütteten Ressourcen bekommen oder neue entdecken.

Nicht zuletzt macht die Ausrichtung auf die Qualitäten der freien Kinder auch uns als TherapeutInnen und Coaches Spaß. Unser Kontakt zu den KlientInnen wird intensiver, die Arbeit lustiger, leichter – und effektiver.

Dürfen Ihre freien Kinder in Ihrer Arbeit als PsychotherapeutIn oder Coach eigentlich mitspielen?

Das Selbst

Was wir von uns selbst wahrnehmen, sind vor allem die unterschiedlichen Mitglieder unseres Inneren Teams mit ihren Gefühlen und Impulsen. Gleichwohl bestehen wir nicht nur aus diesen. Es gibt eine Instanz in uns, welche unsere innere Landschaft überblickt und die Einfluss auf die innere Dynamik und auf unser Verhalten nehmen kann. Und wir identifizieren uns mit diesem inneren Beobachter: wir sagen „Ich“ und nicht „Wir“.

Wir nennen diese Instanz ‚Oberhaupt‘ oder ‚Selbst‘. Das Selbst ist einerseits ein Geisteszustand, in dem wir unsere unterschiedlichen Anteile wahrnehmen und beobachten können. Soweit entspricht es der Haltung der buddhistischen Achtsamkeit: einem Zustand, in dem alles akzeptiert wird, wie es ist. Zugleich ist das Selbst auch unsere Steuerungsinstanz. Seine Aufgabe besteht darin, sich um einzelne Teammitglieder zu kümmern, die innere Dynamik in konstruktive Bahnen zu lenken und dafür zu sorgen, dass der Mensch sich so verhält, dass es für ihn und nach Möglichkeit auch für andere gut ist.

Das Selbst oder Oberhaupt hat also eine Führungsaufgabe. Im Coaching trägt es Züge einer guten Chefin. Im Kontext der Psychotherapie gewinnt es Konturen einer Elternfigur – seine Aufgabe besteht darin, zu schützen, zu trösten und verletzte Stimmen in Sicherheit zu bringen. Die beste Metapher ist hier das Bild idealer Eltern. Was auch passieren mag, ideale Eltern bleiben da, sind ansprechbar, fühlen sich zuständig. Sie sind von der Zuversicht erfüllt, dass das Leben weitergeht und sich Lösungen finden werden, auch wenn noch unklar ist, wie diese aussehen können. Ideale Eltern nehmen die Angst ihrer Kinder ernst, ohne sich von ihr anstecken zu lassen.

Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, können wir jedem unserer Anteile empathisch und akzeptierend begegnen. Wir sind in der Lage, verletzte und verängstigte Anteile zu beruhigen und zu versorgen. Und wir identifizieren uns mit keinem Anteil so stark, dass wir andere abwerten oder aus den Augen verlieren.

Unabhängig vom je konkreten Ziel der Zusammenarbeit ist es Aufgabe von PsychotherapeutInnen und Coaches, KlientInnen dabei zu unterstützen, diese Ressource in sich zu finden und Vertrauen zu ihr entwickeln.

Wenn wir einen Menschen fragen, welches Gefühl er einem inneren Anteil gegenüber hat, können wir leicht herausfinden, ob er diesem gerade aus dem Selbst heraus begegnet. Wenn er mit seiner Selbstenergie verbunden ist, wird er sich mitfühlend, interessiert, verantwortlich zeigen – wenn er mit Angst, Hilflosigkeit oder Wut reagiert, ist ein Teil am Werk.

Kleiner Test: Wenn Sie auf einen für Sie schwierigen inneren Anteil schauen – welche Gefühle haben Sie? Wenn Sie mit Angst, Hilflosigkeit oder Zorn reagieren: welcher Anteil ist gerade am Ruder?