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Was sind eigentlich Innere Anteile? Gibt es sie ‚wirklich‘?

Gibt es Innere Anteile eigentlich ‚wirklich‘? Diese Frage wird in den unterschiedlichen Ansätzen unterschiedlich beantwortet. In der Schematherapie werden innere Anteile explizit als Konstrukte gesehen. Die Ego-State-Therapie versteht sie als neurobiologisch verankerte Cluster aus Affekten, Kognitionen und Verhalten, die Teile sind also insofern ‚real‘, als sie eine neurobiologische Grundlage haben.

Richard Schwarz und die IFS gehen hingegen von der Wirklichkeit der Teile aus, sie behandeln Anteile als reale Teile der psychischen Realität. Das drückt sich auch darin aus, dass im IFS von der (in meinen Augen eher verwirrenden) Vorstellung ausgegangen wird, dass auch innere Anteile wiederum innere Anteile haben.

Wir in der Integrativen Teilearbeit schließen uns an diesem Punkt an die pragmatische Position des Schulz von Thun‘schen Inneren Teams an: Nein, es gibt die Inneren Anteile nicht ‚wirklich‘. Aber es ist sehr hilfreich, sich dieser Metapher zu bedienen.

Wir sind nicht von kleinen Männchen (oder Frauchen) bewohnt, die sich in uns unterhalten. Zugleich kann jeder Mensch, der schon einmal als KlientIn, TherapeutIn oder Coach intensiv mit inneren Anteilen gearbeitet hat, deren ‚Wirklichkeit‘ bezeugen. Die Vorstellung, dass ein Gefühl, ein Impuls von einem inneren Anteil kommt, dass in uns ein inneres Team oder eine innere Familie interagiert, führ uns sehr schnell zu inneren Bildern und unbewussten Zusammenhängen und kann uns helfen, in einen tiefen Kontakt zu uns zu kommen und uns selbst zu verstehen.

Dabei entwickeln diese Bilder, diese Teile ein erstaunliches Eigenleben. Am greifbarsten wird das das an dem Punkt, wo wir merken, dass ein Teil sich dagegen wehrt, verschwinden zu sollen und daher Veränderung blockiert. Eine Metapher, die sich dagegen wehrt, verschwinden zu sollen? Die bereit ist, sich zu verändern (und sich auch verändern kann!), aber zum Widerstand wird, wenn sie nicht gewürdigt wird?

Die Theoriebildung gerät hier an Grenzen – in der therapeutischen Praxis ist es Alltag. Hier zeigt sich, dass die Personalisierung etwas spürbar, greifbar und bearbeitbar macht, was wir in der reflektierenden Sprache nicht zu greifen bekommen.

Schematherapie, Ego-State-Therapie und IFS sind in Deutschland bzw. den USA als evidenzbasierte Verfahren anerkannt. Die Wirkung lässt sich also wissenschaftlich nachweisen. Die Existenz der Teile (natürlich) nicht. Selbst wenn wir in der Bildgebung nachweisen könnten, dass bestimmte Teile mit unterscheidbaren neurologischen Mustern zusammenhängen, hätten wir damit nur Muster bewiesen – nicht innere Anteile.

Kriterium für die Wirklichkeit der Teile ist das eigene Erleben – und genau darum geht es ja in Psychotherapie und Coaching: wir wollen unsere KlientInnen darin stärken, in Kontakt zu sich selber zu sein und sich auf die eigene körperliche, emotionale und gedankliche Erfahrung zu verlassen. In der Praxis liegt also darin das Kriterium für ‚Wirklichkeit‘ und Stimmigkeit.

Teile mit destruktiv wirkenden Strategien

Manche inneren Anteile setzen Strategien ein, die sehr destruktiv wirken. Sie arbeiten mit Gewalt, selbstverletztendem Verhalten oder Suizidalität, sie lassen Menschen zu Suchtmitteln greifen und sorgen dafür, dass Menschen sich selbst oder anderen schaden.

Im Verständnis dieser Anteile und im Umgang mit ihnen zeigen sich grundlegende Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen der Teilearbeit.

In der Schematherapie werden die destruktiv wirkenden Strategien der Teile als „maladaptive Schemata“ gesehen, die in komplexen Schemamodi und Kategorien dargestellt werden. In der Therapie wird gezielt daran gearbeitet, diese Modi zu überwinden.

Im IFS und in der Integrativen Teilearbeit schauen wir (ebenso wie Ego-State-Therapeuten) weniger auf die konkreten Strategien der Teile, sondern mehr auf die Absicht, die ein Teil damit verbindet. Wir versuchen zu verstehen, warum ein Teil diese Strategie entwickelt hat und wir gehen davon aus, dass er wichtige Gründe dafür hatte, dass es aus seiner Sicht “die bestmögliche Lösung zur damaligen Zeit“ war (eine wunderbare Formulierung, die meines Wissens von dem Psychoanalytiker Peter Fürstenau stammt).

So kann Gewalt der einzige Weg gewesen sein, sich in einer Umgebung, wo man sich nur entscheiden konnte, Täter oder Opfer zu sein, zu behaupten. Suchtmittel können helfen, unerträgliche Gefühle zu betäuben (oder ein chronisch übererregtes neurodivergentes Gehirn zu beruhigen). Die Vorstellung, sich im Notfall umbringen zu können, kann dabei helfen, weiterzuleben (weil ich weiß, dass ich im schlimmsten Fall den Notausgang kenne).

Aus Faustregeln kann gelten: je massiver die Strategie eines Teils ist und je rigider er auftritt, desto größer die Not, die er zu bewältigen half. Indem wir diese gute Absicht und diese Wichtigkeit würdigen, können wir dem Teil helfen, sich zu beruhigen, zu realisieren, dass die Welt heute eine andere ist und die Strategien zu mildern oder im besten Fall loszulassen.

Veränderung und ‚Heilung‘ geschehen hier durch Würdigung. Und Würdigung ist nur dann möglich, wenn ich verstehe, worum es damals ging – und den Teil wirklich achten kann.

Gerade im Umgang mit destruktiv wirkenden Teilen ist das ein grundlegender Perspektivwechsel und nicht immer leicht, weil Gewalt, Selbstverletzung und Suizidalität auch in uns TherapeutInnen viel auslösen. Die Strategien dieser Teile aktivieren auch in uns ängstliche, wütende, hilflose Teile und Teile, welche diese Strategien schnellstmöglich ‚in den Griff bekommen‘ wollen.

Wenn wir würdigend mit Teilen arbeiten wollen, die destruktiv wirkende Strategien einsetzen, müssen wir daher unsere eigenen Teile besonders gut im Blick haben.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 209ff.

„Selbst“ und “Selbstähnliche Teile“

Im letzten Post der Reihe haben wir gesehen, warum es im IFS und in der Integrativen Teilearbeit wichtig ist, so weit wie vom möglich vom Selbst aus arbeiten. Das Selbst wendet sich allen Teilen zu, interessiert sich für diese und kümmert sich. Es kann Teile, die in verstörenden oder traumatischen Situationen feststecken, versorgen, bergen, entlasten und damit heilen.

Zugleich gibt es Teile, die auf dem ersten Blick so aussehen wie das Selbst und die sich auch dafür halten. Sie haben gelernt, uns und unsere Teile zu versorgen und haben dafür eine Menge konstruktiver Strategien auf Lager.

Sie können brisante innere und äußere Situationen entschärfen und sind daher wichtige und erfolgreiche Krisenhelfer. Oft zeichnen sie sich durch Ruhe, Klarheit und Vernunft aus. Sie sind wichtige Quellen von Selbstfürsorge, häufig sind es diese Teile, die uns in Achtsamkeitskurse oder ins Yogastudio führen, die dafür sorgen, dass wir regelmäßig Sport machen, gesund essen und meditieren.

Wir verdanken ihnen viel. Oft sind wir sehr identifiziert mit diesen Teilen und halten sie für unsere eigentlich erwachsene oder auch therapeutische Kraft. Und sie sind bei psychologisch geschulten Menschen besonders gut ausgebildet.

Gleichwohl sind sie nicht das Selbst. Der entscheidende Unterschied ist: im Gegensatz zum Selbst, das schlicht für die Teile da ist und sich kümmert, haben selbstähnliche Teile eine Agenda. Sie wollen die Gefühle der Teile, für die sie sorgen, zum Schweigen bringen (oft eigentlich wegmachen, auch wenn sie gelernt haben, dass das nicht geht oder nicht gut ist). Die verletzten Anteile sollen sich beruhigen und Ruhe geben.

Während das Selbst gelassen ist, arbeiten diese Teile hart. Sie haben eine klare Vorstellung, was rauskommen soll, werden ungeduldig, wenn ein Teil „immer noch keine Ruhe gibt“, häufig überspringen sie die Gefühle und sind sofort bei den Lösungen („Und was machen wir jetzt damit?“).

Häufig sind es auch diese Teile, die Menschen in Therapie und Coaching führen („Ich brauche Strategien!“). Es wäre gut, wenn wir das als TherapeutInnen und Coaches merken. Sonst bilden wir diese selbstähnlichen Teile weiter aus und nehmen unseren KlientInnen damit die Chance, sich verletzten Teilen wirklich zuzuwenden und sich von alten Mustern verabschieden zu können.

Wie entwickeln sich selbstähnliche Teile? Sie haben sich oft früh in unserer Geschichte entwickelt und ihre Aufgabe ist, sehr junge verletzte innere Anteile zu schützen. Daher haben selbstähnliche Teile gelernt, dass das innere System sich ausschließlich auf sie verlassen kann.

Einmal mehr merken wir hier den Unterschied, ob wir in der Arbeit mit inneren Anteilen vom Selbst aus arbeiten oder einen erwachsen wirkenden rationalen Teil („ANP“) als Chef des Inneren Systems ansprechen. Denn ein ANP wird häufig ein selbstähnlicher Teil sein, der Gefühle an das anpassen will, was er für die Realität hält.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 92ff.

„Oberhaupt“ (Schulz von Thun) versus „Selbst“ (Richard Schwartz)

Wie unterscheiden sich das „Oberhaupt“ von Schulz von Thun und das „Selbst“ im IFS von Richard Schwartz?
 
Das ‚Oberhaupt‘ (SvT) wird als ‚Führungskraft‘ im Inneren Team verstanden. Es nimmt eine Beobachterposition ein, kann zu allen Anteilen Kontakt aufnehmen und sich zugleich von diesen abgrenzen. Es folgt dem Bild, dass Entscheidungen, bei denen sich alle berücksichtigt fühlen, besser und tragfähiger sind. Denn jeder konnte sein Stück Weisheit beitragen und alle sind im Boot.
 
Das Oberhaupt hat die Aufgabe, diesen Prozess zu moderieren, dominante Anteile zu bremsen und Außenseiter zu integrieren. Ziel ist dabei eine doppelte Übereinstimmung: das Ergebnis soll zur äußeren Situation und zugleich zur eigenen inneren Mannschaft passen. Coaching mit dem Inneren Team zielt darauf, das Oberhaupt zu stärken, so dass ein Mensch immer mehr in Übereinstimmung mit sich selbst leben und zugleich den Herausforderungen der äußeren Welt immer besser gewachsen sein kann. Es geht um Entwicklung.
 
Das ‚Selbst‘ im IFS umfasst die gleichen Aspekte. Es ist ein Zustand von Achtsamkeit, in dem wir ohne Wertung alles wahrnehmen können, was in uns und anderen geschieht. Zugleich greift das Selbst ein, kümmert sich und übernimmt Verantwortung mit Blick auf die innere und äußere Welt. Aber das Konzept des ‚Selbst‘ geht darüber hinaus. Denn es hat zugleich eine existentielle Dimension, es ist der unzerstörbare Kern eines Menschen.

Auch wenn der Zugang zur Selbstenergie vollkommen verschüttet sein kann, hat jeder Mensch diese Qualität in sich. Selbstenergie weist über uns als einzelne hinaus. Es verbindet uns mit anderen Menschen und der Welt, es eröffnet eine spirituelle Perspektive. Wenn wir uns inneren Anteilen mit Selbstenergie zuwenden, dann können wir diesen dabei helfen, Verletzungen, Traumatisierungen und deren Folgen zu überwinden und loszulassen. Hier geht es um Heilung. Daher passt die Begrifflichkeit des ‚Selbst‘ besser zur Psychotherapie.
 
Ein gutes Bild für Selbstenergie ist das Bild idealer Eltern. Ideale Eltern bleiben da, egal, was passiert. In schwierigen oder traumatischen Situationen wissen sie vielleicht nicht die Lösung – aber sie vermitteln die Zuversicht und das Vertrauen, dass es mit ihrer Hilfe Schritt für Schritt weitergehen kann.

In der psychotherapeutischen Arbeit mit inneren Anteilen geht es im Kern darum, dass wir unsere KlientInnen dabei unterstützen, Kontakt zu ihrer Selbstenergie zu bekommen und allen ihren Teilen mit Selbstenergie zu begegnen. Teil dessen ist, dass auch wir selber so weit wie möglich von unserem Selbst aus arbeiten können. Achtsamkeit für unsere eigenen inneren Prozesse ist daher ein wichtiger Teil der therapeutischen Arbeit.
 
In der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir mit beiden Konzepten: Im psychotherapeutischen Bereich mit dem Selbst, im Beratungs- und Coaching-zweig auch mit dem pragmatischeren Konzept des Oberhaupts.


Diese Unterscheidung hat Karen Zoller herausgearbeitet, ihr Praxis-Buch „Coaching und Beratung mit dem Inneren Team“ erscheint im Herbst bei Klett-Cotta.

Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 30ff.

Hat das Innere System eine Führung?

Vor allem frühe Ansätze der Teilearbeit, wie die Transaktionsanalyse und die Gestalttherapie, nehmen nur die verschiedenen inneren Anteile in den Blick und beschreiben keine Führungsinstanz im inneren System.

Andere Ansätze (wie die Ego-State-Therapie oder Ellert Nijenhuis) befördern einen sogenannten „ANP“ (anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil) zum Leiter des Inneren Systems. Ein erwachsen wirkender und realitätsorientierter Anteil wird also als Führungsfigur angesprochen.

In der Integrativen Teilearbeit denken wir die Dynamik im Inneren Team dagegen im Anschluss an Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family System (IFS) von Richard Schwartz von einer Inneren Führungsinstanz her, dem „Oberhaupt“ (SvT) bzw. dem „Selbst“ (Schwartz). Das hat erhebliche und grundlegende Folgen für Menschenbild und Arbeitsweise.

Denn das Selbst oder das Oberhaupt wird gerade nicht als Teil verstanden. Es ist die Instanz in uns, mit der wir uns von allen inneren Anteilen und ihren Haltungen, Gefühlen und Impulsen unabhängig machen und abgrenzen können. Wir identifizieren uns mit dieser Instanz, darum sagen wir „ich“ und nicht „wir“. Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, werden wir nicht von der Energie einzelner Teile mitgerissen.

Zugleich sind wir vom Selbst oder Oberhaupt aus allen Teilen verbunden. Vom Oberhaupt oder Selbst aus können wir alle Teile gleichermaßen sehen, verstehen, wertschätzen und anerkennen. Wir können ihnen innerlich Raum geben, sehen, was sie Kostbares beitragen und was sie brauchen – und entscheiden, ob, wann und unter welchen Bedingungen wir ihnen auch nach außen hin Raum geben möchten.

Von dieser Perspektive aus sind ein kindlicher Teil, ein ‚Kreativer‘, ein ‚Rebell‘ oder ein spirituell orientierter Teil genauso relevant wie ein erwachsener und realitätsangepasster Teil. Wenn wir also letzteren als Chef des Inneren Systems ansprechen, gehen wir von einem anderen und engeren Menschenbild aus.

Bei Schulz von Thun, im IFS und in der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir so weit wie möglich vom Oberhaupt bzw. Selbst aus – und immer auf dieses hin. Egal, woran wir konkret arbeiten, wir zielen immer darauf, unsere KlientInnen und Klienten in Kontakt zu ihrer Oberhaupt- oder Selbstenergie zu bringen und sie damit in ihrer Fähigkeit zu stärken, in gutem Kontakt mit allen inneren Anteilen zu sein und sich zugleich auf einen für diesen Menschen selbst angemessene Weise auf seine Umwelt einstellen und diese gestalten zu können.


Zum Weiterlesen:
Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 78-99.

Personalisierung der inneren Dynamik

Grundgedanke der Arbeit mit inneren Anteilen ist die Personalisierung der inneren Dynamik. Die unterschiedlichen Anteile werden als innere Personen gesehen und behandelt – als Personen mit unterschiedlichem Charakter, je eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Zielen, einer je eigenen Geschichte.

Dieser Grundgedanke ist ebenso einfach wie genial. Denn wir alle haben gelernt, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Durch die Analogsetzung von Innen- und Außenwelt können wir dieses Verständnis auf den Umgang mit uns selbst übertragen. Wenn wir innere Anteile, mit denen wir es schwer haben, als Personen begreifen, die wie äußere Personen von Gefühlen bestimmt werden und vor dem Hintergrund ihrer Geschichte handeln, dann können wir leichter nachvollziehen, warum diese sich manchmal auf eine Weise verhalten, die wir schwierig finden.
 
Dazu kommt, dass wir dabei auch unsere Wertvorstellungen für einen angemessenen Umgang mit Personen übertragen. Auch wenn wir uns nicht immer daran halten – wir alle haben die Vorstellung verinnerlicht, dass man Personen mit Respekt und Wertschätzung begegnen sollte. Durch die Personalisierung der inneren Welt werden diese Vorstellungen implizit auf den Umgang mit sich selbst übertragen.

Innen wie außen setzt eine gedeihliche Dynamik voraus, dass sich alle Beteiligten respektiert, gewürdigt und in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gesehen und anerkannt fühlen und einen passenden Platz finden. Psychotherapie und Beratung dienen dazu, Konflikte und Blockaden aufzulösen und die Selbstregulationskräfte wieder freizusetzen. Die innere Dynamik wird in Analogie zu äußeren Gruppen gedacht – zur Dynamik in Arbeitsteams (Schulz von Thun) oder in Familien (Richard Schwartz).

Dabei gilt innen wie außen: das Verhalten, das man in schwierigen Situationen heißt das: ein Anteil ist nicht identisch mit seiner Wut (seiner Angst, seinem Kontrollbedürfnis, …) – sondern er wird unter bestimmten Voraussetzungen wütend oder ängstlich oder entwickelt ein Kontrollbedürfnis. Wenn die innere Dynamik sich entspannen kann, dann kann sich auch der Teil entspannen und schwierige Gefühle und schwierige Verhaltensweisen loslassen. Erst dann kann sein eigentliches Wesen sichtbar werden.

Mit dieser konsequenten Personalisierung arbeiten Friedemann Schulz von Thun und die IFS von Richard Schwartz – und wir in der Integrativen Teilearbeit im Anschluss an diese beiden. Auch die Ego-State-Therapie versteht innere Anteile in dieser Weise.

In der Schematherapie und in der Transaktionsanalyse dagegen werden die Teile stärker auf ihre Strategien und ihr Verhalten festgelegt. Ein kritisches Eltern-Ich ist vom Wesen her kritisch, wir können nur lernen, es seltener zu aktivieren. Auch in der Schematherapie wird zwischen dysfunktionalen und gesunden Modi unterschieden und Schemata werden verstanden als feste Muster aus Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen. Das Potential der Personalisierung wird hier also weniger ausgeschöpft.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 10ff.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Es gibt inzwischen viele verschiedene Formen der Teilearbeit und Teiletherapie. Was verbindet diese – und wie unterscheiden sie sich voneinander? Die Antwort ist gar nicht so leicht. Denn niemand kennt alle Formen der Teilearbeit gleich gut und jede/r hat einen Standort, ist also parteilich.

Beides gilt auch für mich. Mein Standort ist die Integrative Teilearbeit bzw. das integrative Modell des Inneren Teams, das ich in meinen Büchern und mit meinen Kolleginnen am Institut für Teilearbeit (IfiT) in Hamburg entwickelt habe. Natürlich finde ich diesen Ansatz am besten – darum habe ich ihn ja entwickelt…

Neben unserem Modell kenne ich sehr gut das Innere Team von Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family Systems (IfS) von Richard Schwartz – denn hier liegen meine Wurzeln. Transaktionsanalyse kenne ich gut, Gestalttherapie etwas. Ego-State-Therapie habe ich durch Bücher und auf Tagungen kennengelernt, Schematherapie durch Bücher und Diskussionen mit unseren TeilnehmerInnen.

Auf dieser Grundlage möchte ich in den nächsten Wochen den Versuch unternehmen, wesentliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Ansätze zu skizzieren – um einen Überblick zu geben, um die Besonderheiten unseres Ansatzes deutlich zu machen und um ins Gespräch zu kommen.

Dabei werde ich mich an folgenden Fragen orientieren:

1) Was ist der gemeinsame Ausgangspunkt der verschiedenen Ansätze?

2) Werden in einem Teilemodell nur innere Anteile beschrieben oder auch eine Führungsinstanz? Wenn es eine gibt: wie wird diese charakterisiert?

3) Geht ein Teilemodell von festen Kategorien aus oder geht es phänomenologisch vor? Weiß ich als TherapeutIn also, welche Art von inneren Anteilen ich zu suchen habe oder lasse ich mich davon überraschen, welche inneren Anteile dieser konkrete Mensch hat?

4) Wenn Teile sich auf eine Weise verhalten, die destruktive Folgen hat – sieht man ihre Strategien als etwas zu Würdigendes an, das eine Bedeutung hat oder als etwas zu Überwindendes, das man abzutrainieren versucht?

5) Fokussiert man auf Ressourcenorientierung und den Aufbau hilfreicher Gegenspieler – oder denkt man die Dynamik im inneren System von verletzten kindlichen Teilen und deren Wächtern her?

Neuausgabe vom „Inneren Team in der Psychotherapie“

Von dem Moment an, wo man sie in die Welt entlässt, haben Bücher ihr eigenes Leben. Dieses Buch ist nun seit dreizehn Jahren in der Welt unterwegs, und es hat eine erfreuliche Bahn gezogen. Es ist unterdessen zum Klassiker geworden. Es hat Geschwister bekommen (nämlich ein Buch über Aufstellungsarbeit mit dem Inneren Team, eines über die Arbeit mit schweren Erkrankungen und ein Arbeitsbuch für KlientInnen).

Und auf seinem Boden ist ein Institut gewachsen, nämlich das Institut für Integrative Teilearbeit in Hamburg (IfiT), in dem wir die Methoden und die Haltung der in dem Buch entworfenen Integrativen Teilearbeit lehren und weiterentwickeln.

Ich begegne diesem Buch mit Dankbarkeit, und es war mir eine Freude, es für diese 8. Auflage durchzusehen und zu überarbeiten. Die Grundlagen haben sich bewährt und die Grundstruktur ist die gleiche geblieben. Gleichwohl gab viel Anlass zu Veränderungen, denn ich habe und wir haben in diesen dreizehn Jahren viel gelernt, gelehrt und weiterentwickelt. 1/3 des Textes ist neu, zugleich ist fast genau so viel alter Text rausgeflogen, weil ich gestrafft und alles gestrichen habe, was mit dem Blick von heute überholt oder nicht mehr nötig war.

Noch stärker als zuvor denke ich psychotherapeutische Arbeit mit dem Inneren Team vom Selbst und der Selbstenergie her. Im Kern geht es um eine Haltung, um eine Haltung von Wertschätzung und Würdigung, die wir unseren Klientinnen und Klienten und ihren inneren
Anteilen gegenüber haben – und die wir hoffentlich auch unseren eigenen inneren Anteilen gegenüber haben. Wirksame Therapie, ›Heilung‹ und Wachstum speisen sich aus unserer Verbindung mit der Selbstenergie.

Es ist ein Kapitel über Aufstellungsarbeit in der Einzeltherapie hinzugekommen. Ich habe Ressourcenteile stärker in den Blick genommen, die Wachstums- und Therapieprozesse unterstützen und erleichtern können. Es gibt Kapitel über die Frage, wie wir präverbale, also sehr junge, innere Anteile erreichen können, über den Umgang mit destruktiv agierenden Wächtern, die Gewalt, Selbstverletzung und Suizidalität einsetzen, und über die Arbeit mit Bildern und Metaphern.

Und es gibt diverse neue Beispiele, die sich durch das Buch ziehen. Am wichtigsten sind mir dabei zwei Beispiele über die Arbeit mit Menschen im Autismusspektrum.

Die Neuausgabe meines Grundlagenbuches möchte ich zum Anlass für Serie nehmen, in der es um die Frage geht, was verschiedene Formen der Teilearbeit miteinander verbindet und wie sie sich voneinander unterscheiden. Immer Dienstags wird ein neuer Beitrag erscheinen.

Resilienz aus Sicht des Inneren Teams

Resilient sein will jeder. Aber was bedeutet Resilienz? Unkaputtbar sein? In Drachenblut gebadet haben und unverletzbar durchs Feuer schreiten? Teflonbeschichtet alle Schwierige an sich abperlen lassen? In heiterer Gelassenheit dem Dalai Lama Konkurrenz machen?

Aus Sicht des Inneren Teams bedeutet Resilienz, sich und anderen vom Oberhaupt aus zu begegnen, also mit der Instanz in sich verbunden sein, die alle Teile wertschätzen und zugleich begrenzen kann und die sich um verletzte und ängstliche Teile kümmert.

Wenn wir mit allen inneren Anteilen verbunden sind, dann sind wir berührbar. Dann haben wir Angst, wenn wir Gewalt begegnen, sind verletzt, wenn wir abgewertet oder verlassen werden. Dann sind wir erschrocken und mitfühlend, wenn andere Gewalt ausgeliefert sind, machen uns Sorgen, wenn Krieg ausbricht oder eine Klimakatatastrophe droht und werden wütend, wenn andere feindselig sind.

Aber indem wir diesen Teilen verbunden sind, können wir sie wertschätzen, beruhigen und begrenzen und werden nicht von ihnen mitgerissen. Wir behalten den Zugang zu unseren Ressourcen, können uns versorgen, erholen und wieder entspannen.

Ebenso entstehen Entscheidungsspielräume und Räume für erwachsene innere Anteile. Wir können wählen, wie wir reagieren wollen, sehen mehrere Möglichkeiten und können Konsequenzen abschätzen. Wir können uns eher in die Perspektive anderer Menschen einfühlen, die Hintergründe von auch schwierigem Verhalten verstehen und entscheiden, ob es uns sinnvoll scheint, in eine Konfrontation einzusteigen oder nicht.

Resilienz bedeutet also nicht, dass ich nicht verletzt, verstört bin, dass ich keine Angst habe oder nicht in Schwierigkeiten geraten. Resilienz bedeutet, dass ich diesen Teilen mit ihren Gefühlen Raum geben und für sie sorgen kann. Resilienz bedeutet auch, nicht damit zu hadern, dass ich diese inneren Anteile und diese Gefühle haben, es bedeutet, meine Grenzen zu akzeptieren und meine Möglichkeiten zu sehen. Im besten Falle bedeutet es auch, die Verstrickungen, Grenzen und Möglichkeiten meiner Gegenüber zu sehen.

Resilienz bedeutet also, vom Oberhaupt bzw. Selbst aus auf meine inneren Anteile zu schauen und diese zu versorgen – und es bedeutet zugleich, dass meine inneren Anteile mir als Oberhaupt vertrauen.

Ressourcen aufbauen

Manchmal fehlt in unserem Inneren Team jemand. Vielleicht sind Sie als Dozentin fachlich top und gut in Kontakt – aber wenn Ihnen jemand abwertend begegnet, merken Sie schmerzlich, dass Ihnen eine innere Grenzwächterin fehlt. Oder Sie landen immer wieder in vollkommener Erschöpfung – und vermissen einen Ressourcenwächter, der gute Vorsätze in die Tat umsetzen könnte. Oder Sie wünschen sich eine Gelassene, für die es kein Drama ist, wenn Dinge schieflaufen. Oder, oder, oder….

Wie können wir vakanten Stellen im inneren Team besetzen und diese Teammitglieder aufbauen?

Manchmal haben wir dieses Teammitglied schon zur Verfügung – nur in anderen Situationen. Vielleicht können Sie in der Familie sehr gut Grenzen setzen – aber im Beruf fällt es Ihnen schwer (oder umgekehrt). Vielleicht sind Sie im Urlaub tiefenentspannt und gelassen – landen aber im Alltag regelmäßig im Hamsterrad.

Dann wäre die Frage, ob Sie dieses Teammitglied dazu bringen können, seinen Einsatzbereich zu erweitern. Vielleicht wäre es bereit, seinen Job auch im Beruf zu machen? Was bräuchte es dazu? Vielleicht müssten mit der Perfektionistin mal die Maßstäbe verhandelt werden, wie gut Sie performen müssen? Oder der Teil bräuchte Zeit mit Ihnen als ChefIn, um überhaupt Gehör für seine Vorschläge zu finden?

Wenn Sie selber ein solches Teammitglied nicht im Repertoire haben, dann vielleicht jemand in Ihrer Umgebung? Partner oder Partnerin? Onkel Egon? Hermine Granger oder Jürgen Klopp? Wenn auch vielleicht nicht genau in der Weise, die Sie suchen – aber doch so, dass die Richtung stimmt und Sie sich eine Scheibe abschneiden könnten?

In der Psychotherapie oder im Coaching können Sie Ihre KlientIn dazu einladen, im Rollentausch in die Haut eines Anteils hinein zu schlüpfen und aus dessen Perspektive zu sprechen. Welche Ideen hätte dieses Teammitglied für die vakante Stelle? Wie geht ihm mit der Chefin dieses Inneren Teams? Traumhafte Zusammenarbeit oder eher sperrig? Was bräuchte es für diesen neuen Job?

Manchmal ist es leicht, eine solche Neueinstellung ins Innere Team zu integrieren. Schwierig wird es, wenn andere Teile etwas dagegen haben – weil sie beispielsweise fürchten, dass andere sich abwenden, wenn Sie sich stärker abgrenzen oder weil sie gelernt haben, Abgrenzung für egoistisch zu halten. Dann ist es wichtig, zunächst mit dem Teil arbeiten, der etwas dagegen hat, denn sonst wird er die neue Entwicklung blockieren.

Welche Vakanz in Ihrem Inneren Team würden Sie gerne besetzen? Meldet sich jemand auf ihre interne Stellenausschreibung oder möchten Sie extern suchen (und bei wem)? Gibt es Teammitglieder, die etwas dagegen haben (und was)?