„Oberhaupt“ (Schulz von Thun) versus „Selbst“ (Richard Schwartz)
Wie unterscheiden sich das „Oberhaupt“ von Schulz von Thun und das „Selbst“ im IFS von Richard Schwartz?
Das ‚Oberhaupt‘ (SvT) wird als ‚Führungskraft‘ im Inneren Team verstanden. Es nimmt eine Beobachterposition ein, kann zu allen Anteilen Kontakt aufnehmen und sich zugleich von diesen abgrenzen. Es folgt dem Bild, dass Entscheidungen, bei denen sich alle berücksichtigt fühlen, besser und tragfähiger sind. Denn jeder konnte sein Stück Weisheit beitragen und alle sind im Boot.
Das Oberhaupt hat die Aufgabe, diesen Prozess zu moderieren, dominante Anteile zu bremsen und Außenseiter zu integrieren. Ziel ist dabei eine doppelte Übereinstimmung: das Ergebnis soll zur äußeren Situation und zugleich zur eigenen inneren Mannschaft passen. Coaching mit dem Inneren Team zielt darauf, das Oberhaupt zu stärken, so dass ein Mensch immer mehr in Übereinstimmung mit sich selbst leben und zugleich den Herausforderungen der äußeren Welt immer besser gewachsen sein kann. Es geht um Entwicklung.
Das ‚Selbst‘ im IFS umfasst die gleichen Aspekte. Es ist ein Zustand von Achtsamkeit, in dem wir ohne Wertung alles wahrnehmen können, was in uns und anderen geschieht. Zugleich greift das Selbst ein, kümmert sich und übernimmt Verantwortung mit Blick auf die innere und äußere Welt. Aber das Konzept des ‚Selbst‘ geht darüber hinaus. Denn es hat zugleich eine existentielle Dimension, es ist der unzerstörbare Kern eines Menschen.
Auch wenn der Zugang zur Selbstenergie vollkommen verschüttet sein kann, hat jeder Mensch diese Qualität in sich. Selbstenergie weist über uns als einzelne hinaus. Es verbindet uns mit anderen Menschen und der Welt, es eröffnet eine spirituelle Perspektive. Wenn wir uns inneren Anteilen mit Selbstenergie zuwenden, dann können wir diesen dabei helfen, Verletzungen, Traumatisierungen und deren Folgen zu überwinden und loszulassen. Hier geht es um Heilung. Daher passt die Begrifflichkeit des ‚Selbst‘ besser zur Psychotherapie.
Ein gutes Bild für Selbstenergie ist das Bild idealer Eltern. Ideale Eltern bleiben da, egal, was passiert. In schwierigen oder traumatischen Situationen wissen sie vielleicht nicht die Lösung – aber sie vermitteln die Zuversicht und das Vertrauen, dass es mit ihrer Hilfe Schritt für Schritt weitergehen kann.
In der psychotherapeutischen Arbeit mit inneren Anteilen geht es im Kern darum, dass wir unsere KlientInnen dabei unterstützen, Kontakt zu ihrer Selbstenergie zu bekommen und allen ihren Teilen mit Selbstenergie zu begegnen. Teil dessen ist, dass auch wir selber so weit wie möglich von unserem Selbst aus arbeiten können. Achtsamkeit für unsere eigenen inneren Prozesse ist daher ein wichtiger Teil der therapeutischen Arbeit.
In der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir mit beiden Konzepten: Im psychotherapeutischen Bereich mit dem Selbst, im Beratungs- und Coaching-zweig auch mit dem pragmatischeren Konzept des Oberhaupts.
Diese Unterscheidung hat Karen Zoller herausgearbeitet, ihr Praxis-Buch „Coaching und Beratung mit dem Inneren Team“ erscheint im Herbst bei Klett-Cotta.
Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 30ff.