Kategorie: <span>Formen von Teilearbeit</span>

Hat das Innere System eine Führung?

Vor allem frühe Ansätze der Teilearbeit, wie die Transaktionsanalyse und die Gestalttherapie, nehmen nur die verschiedenen inneren Anteile in den Blick und beschreiben keine Führungsinstanz im inneren System.

Andere Ansätze (wie die Ego-State-Therapie oder Ellert Nijenhuis) befördern einen sogenannten „ANP“ (anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil) zum Leiter des Inneren Systems. Ein erwachsen wirkender und realitätsorientierter Anteil wird also als Führungsfigur angesprochen.

In der Integrativen Teilearbeit denken wir die Dynamik im Inneren Team dagegen im Anschluss an Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family System (IFS) von Richard Schwartz von einer Inneren Führungsinstanz her, dem „Oberhaupt“ (SvT) bzw. dem „Selbst“ (Schwartz). Das hat erhebliche und grundlegende Folgen für Menschenbild und Arbeitsweise.

Denn das Selbst oder das Oberhaupt wird gerade nicht als Teil verstanden. Es ist die Instanz in uns, mit der wir uns von allen inneren Anteilen und ihren Haltungen, Gefühlen und Impulsen unabhängig machen und abgrenzen können. Wir identifizieren uns mit dieser Instanz, darum sagen wir „ich“ und nicht „wir“. Wenn wir mit dieser Energie verbunden sind, werden wir nicht von der Energie einzelner Teile mitgerissen.

Zugleich sind wir vom Selbst oder Oberhaupt aus allen Teilen verbunden. Vom Oberhaupt oder Selbst aus können wir alle Teile gleichermaßen sehen, verstehen, wertschätzen und anerkennen. Wir können ihnen innerlich Raum geben, sehen, was sie Kostbares beitragen und was sie brauchen – und entscheiden, ob, wann und unter welchen Bedingungen wir ihnen auch nach außen hin Raum geben möchten.

Von dieser Perspektive aus sind ein kindlicher Teil, ein ‚Kreativer‘, ein ‚Rebell‘ oder ein spirituell orientierter Teil genauso relevant wie ein erwachsener und realitätsangepasster Teil. Wenn wir also letzteren als Chef des Inneren Systems ansprechen, gehen wir von einem anderen und engeren Menschenbild aus.

Bei Schulz von Thun, im IFS und in der Integrativen Teilearbeit arbeiten wir so weit wie möglich vom Oberhaupt bzw. Selbst aus – und immer auf dieses hin. Egal, woran wir konkret arbeiten, wir zielen immer darauf, unsere KlientInnen und Klienten in Kontakt zu ihrer Oberhaupt- oder Selbstenergie zu bringen und sie damit in ihrer Fähigkeit zu stärken, in gutem Kontakt mit allen inneren Anteilen zu sein und sich zugleich auf einen für diesen Menschen selbst angemessene Weise auf seine Umwelt einstellen und diese gestalten zu können.


Zum Weiterlesen:
Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 78-99.

Personalisierung der inneren Dynamik

Grundgedanke der Arbeit mit inneren Anteilen ist die Personalisierung der inneren Dynamik. Die unterschiedlichen Anteile werden als innere Personen gesehen und behandelt – als Personen mit unterschiedlichem Charakter, je eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Zielen, einer je eigenen Geschichte.

Dieser Grundgedanke ist ebenso einfach wie genial. Denn wir alle haben gelernt, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Durch die Analogsetzung von Innen- und Außenwelt können wir dieses Verständnis auf den Umgang mit uns selbst übertragen. Wenn wir innere Anteile, mit denen wir es schwer haben, als Personen begreifen, die wie äußere Personen von Gefühlen bestimmt werden und vor dem Hintergrund ihrer Geschichte handeln, dann können wir leichter nachvollziehen, warum diese sich manchmal auf eine Weise verhalten, die wir schwierig finden.
 
Dazu kommt, dass wir dabei auch unsere Wertvorstellungen für einen angemessenen Umgang mit Personen übertragen. Auch wenn wir uns nicht immer daran halten – wir alle haben die Vorstellung verinnerlicht, dass man Personen mit Respekt und Wertschätzung begegnen sollte. Durch die Personalisierung der inneren Welt werden diese Vorstellungen implizit auf den Umgang mit sich selbst übertragen.

Innen wie außen setzt eine gedeihliche Dynamik voraus, dass sich alle Beteiligten respektiert, gewürdigt und in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gesehen und anerkannt fühlen und einen passenden Platz finden. Psychotherapie und Beratung dienen dazu, Konflikte und Blockaden aufzulösen und die Selbstregulationskräfte wieder freizusetzen. Die innere Dynamik wird in Analogie zu äußeren Gruppen gedacht – zur Dynamik in Arbeitsteams (Schulz von Thun) oder in Familien (Richard Schwartz).

Dabei gilt innen wie außen: das Verhalten, das man in schwierigen Situationen heißt das: ein Anteil ist nicht identisch mit seiner Wut (seiner Angst, seinem Kontrollbedürfnis, …) – sondern er wird unter bestimmten Voraussetzungen wütend oder ängstlich oder entwickelt ein Kontrollbedürfnis. Wenn die innere Dynamik sich entspannen kann, dann kann sich auch der Teil entspannen und schwierige Gefühle und schwierige Verhaltensweisen loslassen. Erst dann kann sein eigentliches Wesen sichtbar werden.

Mit dieser konsequenten Personalisierung arbeiten Friedemann Schulz von Thun und die IFS von Richard Schwartz – und wir in der Integrativen Teilearbeit im Anschluss an diese beiden. Auch die Ego-State-Therapie versteht innere Anteile in dieser Weise.

In der Schematherapie und in der Transaktionsanalyse dagegen werden die Teile stärker auf ihre Strategien und ihr Verhalten festgelegt. Ein kritisches Eltern-Ich ist vom Wesen her kritisch, wir können nur lernen, es seltener zu aktivieren. Auch in der Schematherapie wird zwischen dysfunktionalen und gesunden Modi unterschieden und Schemata werden verstanden als feste Muster aus Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen. Das Potential der Personalisierung wird hier also weniger ausgeschöpft.


Zum vertiefenden Weiterlesen: Dagmar Kumbier (2013 / 2026), Das Innere Team in der Psychotherapie. 8. vollständig überarbeitete Ausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 10ff.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Es gibt inzwischen viele verschiedene Formen der Teilearbeit und Teiletherapie. Was verbindet diese – und wie unterscheiden sie sich voneinander? Die Antwort ist gar nicht so leicht. Denn niemand kennt alle Formen der Teilearbeit gleich gut und jede/r hat einen Standort, ist also parteilich.

Beides gilt auch für mich. Mein Standort ist die Integrative Teilearbeit bzw. das integrative Modell des Inneren Teams, das ich in meinen Büchern und mit meinen Kolleginnen am Institut für Teilearbeit (IfiT) in Hamburg entwickelt habe. Natürlich finde ich diesen Ansatz am besten – darum habe ich ihn ja entwickelt…

Neben unserem Modell kenne ich sehr gut das Innere Team von Friedemann Schulz von Thun und das Internal Family Systems (IfS) von Richard Schwartz – denn hier liegen meine Wurzeln. Transaktionsanalyse kenne ich gut, Gestalttherapie etwas. Ego-State-Therapie habe ich durch Bücher und auf Tagungen kennengelernt, Schematherapie durch Bücher und Diskussionen mit unseren TeilnehmerInnen.

Auf dieser Grundlage möchte ich in den nächsten Wochen den Versuch unternehmen, wesentliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Ansätze zu skizzieren – um einen Überblick zu geben, um die Besonderheiten unseres Ansatzes deutlich zu machen und um ins Gespräch zu kommen.

Dabei werde ich mich an folgenden Fragen orientieren:

1) Was ist der gemeinsame Ausgangspunkt der verschiedenen Ansätze?

2) Werden in einem Teilemodell nur innere Anteile beschrieben oder auch eine Führungsinstanz? Wenn es eine gibt: wie wird diese charakterisiert?

3) Geht ein Teilemodell von festen Kategorien aus oder geht es phänomenologisch vor? Weiß ich als TherapeutIn also, welche Art von inneren Anteilen ich zu suchen habe oder lasse ich mich davon überraschen, welche inneren Anteile dieser konkrete Mensch hat?

4) Wenn Teile sich auf eine Weise verhalten, die destruktive Folgen hat – sieht man ihre Strategien als etwas zu Würdigendes an, das eine Bedeutung hat oder als etwas zu Überwindendes, das man abzutrainieren versucht?

5) Fokussiert man auf Ressourcenorientierung und den Aufbau hilfreicher Gegenspieler – oder denkt man die Dynamik im inneren System von verletzten kindlichen Teilen und deren Wächtern her?

Neuausgabe vom „Inneren Team in der Psychotherapie“

Von dem Moment an, wo man sie in die Welt entlässt, haben Bücher ihr eigenes Leben. Dieses Buch ist nun seit dreizehn Jahren in der Welt unterwegs, und es hat eine erfreuliche Bahn gezogen. Es ist unterdessen zum Klassiker geworden. Es hat Geschwister bekommen (nämlich ein Buch über Aufstellungsarbeit mit dem Inneren Team, eines über die Arbeit mit schweren Erkrankungen und ein Arbeitsbuch für KlientInnen).

Und auf seinem Boden ist ein Institut gewachsen, nämlich das Institut für Integrative Teilearbeit in Hamburg (IfiT), in dem wir die Methoden und die Haltung der in dem Buch entworfenen Integrativen Teilearbeit lehren und weiterentwickeln.

Ich begegne diesem Buch mit Dankbarkeit, und es war mir eine Freude, es für diese 8. Auflage durchzusehen und zu überarbeiten. Die Grundlagen haben sich bewährt und die Grundstruktur ist die gleiche geblieben. Gleichwohl gab viel Anlass zu Veränderungen, denn ich habe und wir haben in diesen dreizehn Jahren viel gelernt, gelehrt und weiterentwickelt. 1/3 des Textes ist neu, zugleich ist fast genau so viel alter Text rausgeflogen, weil ich gestrafft und alles gestrichen habe, was mit dem Blick von heute überholt oder nicht mehr nötig war.

Noch stärker als zuvor denke ich psychotherapeutische Arbeit mit dem Inneren Team vom Selbst und der Selbstenergie her. Im Kern geht es um eine Haltung, um eine Haltung von Wertschätzung und Würdigung, die wir unseren Klientinnen und Klienten und ihren inneren
Anteilen gegenüber haben – und die wir hoffentlich auch unseren eigenen inneren Anteilen gegenüber haben. Wirksame Therapie, ›Heilung‹ und Wachstum speisen sich aus unserer Verbindung mit der Selbstenergie.

Es ist ein Kapitel über Aufstellungsarbeit in der Einzeltherapie hinzugekommen. Ich habe Ressourcenteile stärker in den Blick genommen, die Wachstums- und Therapieprozesse unterstützen und erleichtern können. Es gibt Kapitel über die Frage, wie wir präverbale, also sehr junge, innere Anteile erreichen können, über den Umgang mit destruktiv agierenden Wächtern, die Gewalt, Selbstverletzung und Suizidalität einsetzen, und über die Arbeit mit Bildern und Metaphern.

Und es gibt diverse neue Beispiele, die sich durch das Buch ziehen. Am wichtigsten sind mir dabei zwei Beispiele über die Arbeit mit Menschen im Autismusspektrum.

Die Neuausgabe meines Grundlagenbuches möchte ich zum Anlass für Serie nehmen, in der es um die Frage geht, was verschiedene Formen der Teilearbeit miteinander verbindet und wie sie sich voneinander unterscheiden. Immer Dienstags wird ein neuer Beitrag erscheinen.